Wie kam meine Familie nach Melkof? Dritte Etappe: Verbannung nach Schwundnig

Nachdem meine Großmutter Helene durch ihre Flucht einen handfesten Skandal losgetreten hatte, wurde das junge Paar vom Familiensitz Mühnitz verbannt. Auf eine kleine Pachtung mit 100 Hektar Ackerland nicht sehr guten Bodens im Kreis Oels, die gut 130 Kilometer vom Heimatort entfernt lag. Für meinen Großvater Bernhard, erstgeborener Sohn und damit Erbe des Familienbesitzes, ein harter Schlag. Sein Herz hing an dem Land, das man 1785 von Johanna Helene von Tschammer, einer geborenen von Prittwitz, geerbt hatte.

um Oels herum © Familie vP

Viel geboten war in Schwundnig nicht. Abwechslung mag es für das junge Paar hin und wieder dennoch gegeben haben. Der letzte deutsche Kronprinz Wilhelm von Preußen besaß im dreißig Kilometer entfernt gelegenen Oels einen Landsitz, den er nach seiner Rückkehr aus dem holländischen Exil im Jahr 1923 gerne mit seiner Frau Cecilie und den gemeinsamen sechs Kindern besuchte. Gut möglich also, dass das Paar zu den Empfängen gebeten worden ist, die auf dem Schloss gelegentlich stattfanden.

Enge Beziehungen zur kaiserlichen Familie bestanden durch Bernhards ältere Schwester Anna Elisabeth Erdmann von Prittwitz und Gaffron (1892 – 1963), Anneli in der Familie genannt. Sie hatte 1915 in die Familie von Cramon eingeheiratet, die wiederum enge Beziehungen zum Hof von Wilhelm II. pflegte. – Nebenbei: Von Annelis Existenz habe ich erst im Zuge der Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ erfahren. Nach ihrer Scheidung im Jahr 1927 hat sie sich unter dem Namen Moni von Cramon zu einer gefragten Referentin der Oxford-Gruppe entwickelt; einer fragwürdigen Gruppierung, die nach 1938 weltweit unter dem Namen „Moralische Aufrüstung“ (MRA) aktiv gewesen ist und deren Aufarbeitung noch aussteht.

das Geburtshaus meines Vaters und seines Bruders Hoyer in Schwundnig © Familie vP

Die 22jährige Helene, die in Mühnitz unter der Fuchtel ihrer Schwiegereltern gelitten hatte, dürfte in Schwundnig aufgeatmet haben. Endlich ein eigener Hausstand, in dem sie das Sagen hatte und die Bediensteten, ein Hausmädchen und das Kindermädchen Marga, befehligen konnte. Im Jahresabstand sind zwei weitere Söhne zur Welt gekommen. Hans-Hoyer Ernst Bernhard am 15. Mai 1927. Der Dritte im Bunde am 7. Juli 1928; mein Vater Krafft-Erdmann Matthias, der zeitlebens in der Familie Bü genannt wurde. Nicht etwa von Bübchen abgeleitet, wie man meinen könnte, sondern von Brüderchen.

die drei Brüder um 1930 (vlnr): Dicki, mein Vater, Hoyer © Familie vP

Trotz dreier gesunder Söhne und einer eigenen Pachtung kriselte es in der Ehe weiterhin. Doch waren es nicht nur persönliche Probleme, die das Paar belastet haben. Im Winter 1929/30 war Deutschland in den Strudel der Weltwirtschaftskrise geraten, die sich infolge des New Yorker Börsencrashs entwickelt hatte. Wie viele andere in dieser Zeit mussten auch meine Großeltern befürchten, ihren Besitz, ihr Haus, ihr Land nicht halten zu können. Die Stimmung war gedrückt. Helene, die eine sehr impulsive Frau gewesen ist, dürfte es Bernhard nicht immer leicht gemacht haben. So suchte er häufiger im sogenannten „Pferdestall“ Zerstreuung, einem von der Schlesischen Provinzial-Ressource in Breslau betriebenem Lokal, wo er lange Abende beim Bridge zubrachte. Ein Spiel, das das mein Großvater besonders geliebt hat.

Epilog:

Mein Vater Krafft-Erdmann ist 1928 in Schwundnig im niederschlesischen Kreis Oels geboren. Ihm und seinen Geschwistern wurde Melkof, in der Provinz Mecklenburg gelegen, 1934 zur zweiten Heimat. Der Ort liegt wenige Kilometer von Rosien entfernt, wo ich zukünftig leben werde.

Wieso und wie gelangten sie dorthin? Eine Frage, der ich im Zuge der Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ auch nachgegangen bin. Es war eine Spurensuche, die sich über viele Stationen erstreckt hat.

Eine ziemlich verworrene Geschichte, die ich hier in Etappen berichte. Sie beginnt in Rostock, wo meine Großeltern 1921 unter keinem glücklichen Stern geheiratet haben. Nachdem meine Großmutter Helene einen handfesten Skandal ausgelöst hatte, ist das junge Paar vom Familiensitz Mühnitz nach Schwundnig verbannt worden.

6 Kommentare zu „Wie kam meine Familie nach Melkof? Dritte Etappe: Verbannung nach Schwundnig

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