Wie kam meine Familie nach Melkof? Fünfte Etappe: Ein Unglück kommt selten allein

Am 19. April 1930 war Ernst-Ludwig von Jagow, der Vater meiner Großmutter Helene, verstorben. Neun Monate später schloss Ur-Großvater Wilhelm von Prittwitz und Gaffron seine Augen für immer. Über ihn habe ich im Zuge meiner Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ Erstaunliches ans Licht gebracht habe. Im wahrsten Sinne des Wortes ist er aus der Reihe, sprich: aus der Familiengeschichte getanzt.

Für seinen Sohn, meinen Großvater Bernhard, kam es nach dem Tod der beiden alten Herren knüppeldick. Noch kurz vor seinem Ableben hatte mein Ur-Großvater entschieden, Mühnitz nicht ihm – dem erstgeborenen Sohn, wie es Tradition gewesen ist – sondern seinem jüngeren Bruder Carl-Wilhelm (1899 – 1972) zu vermachen.

mein Großvater Bernhard Ende der 1930er © Familie vP

Viel ist über die Beweggründe meines Ur-Großvaters spekuliert worden. Zumal allen bekannt gewesen ist, dass Bernhard ein leidenschaftlicher Landwirt war, dessen Herz am Gutsbesitz hing, und Carl-Wilhelm sich eher zum Militär hingezogen fühlte. Vermutlich wollte sich mein Ur-Großvater mit der geänderten Erbfolge bei Bolko Graf von Haslingen-Schickfus erkenntlich zeigen, dessen Tochter Barbara mit Carl-Wilhelm verheiratet war. Ohne dessen finanzielle Zuwendungen wäre Mühnitz, der Familiensitz der Prittwitze in Niederschlesien, während der Inflation nicht zu halten gewesen.

Jedenfalls soll Bernhard zeitlebens unter der Entscheidung gelitten haben, dass nicht er, sondern sein jüngerer Bruder Mühnitz geerbt hat. Tiefen Schmerz hat ihm zudem seine Frau Helene bereitet, die nach dem Tod der beiden alten Herren ihre Chance gekommen sah, die Ehe endlich zu beenden.

Sie verließ Schwundnig, wo das Paar mit Kindern seit ihrer Verbannung gelebt haben, und kam mit den Söhnen Dicki, Bü und Hoyer bei ihrer Mutter in Brandenburg an der Havel unter. Geschieden wurde die Ehe meiner Großeltern am 6. Juli 1932 vor dem Landgericht in Oels. – Ein entscheidender Schritt in Richtung Melkof war getan.

Großvater Bernhard mit den Söhnen (v.l.n.r.): mein Vater Bü, Dicki und Hoyer © Familie vP

1931/32 hat mein Großvater, der sowieso eher ein Ritter der traurigen Gestalt gewesen ist, alles verloren, was ihm lieb und teuer war: den Vater, den Familienbesitz, die Frau, die er sehr geliebt hat, und drei Söhne. Wie den meisten haben ihm damals zudem die Entwicklungen im Land zu schaffen gemacht. Die Weltwirtschaftskrise hatte das Deutsche Reich fest im Griff; Massenarbeitslosigkeit und Konkurse, auch in der Landwirtschaft, waren an der Tagesordnung. Schlussendlich musste auch er einsehen, die Pachtung Schwundnig nicht halten zu können. Er gab den kleinen landwirtschaftlichen Betrieb Anfang 1933 auf, um sich in Breslau nach einem Broterwerb umzusehen. Angesichts von sechs Millionen Arbeitslosen, die im Reich im Februar 1933 offiziell gezählt wurden, kein leichtes Unternehmen.

Epilog:

Mein Vater Krafft-Erdmann ist 1928 in Schwundnig im niederschlesischen Kreis Oels geboren. Ihm und seinen Geschwistern wurde Melkof, in der Provinz Mecklenburg gelegen, 1934 zur zweiten Heimat. Der Ort liegt wenige Kilometer von Rosien entfernt, wo ich zukünftig leben werde.

Wieso und wie gelangten sie dorthin? Eine Frage, der ich im Zuge der Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ auch nachgegangen bin. Es war eine Spurensuche, die sich über viele Stationen erstreckt hat.

Eine ziemlich verworrene Geschichte, die ich hier in Etappen berichte. Sie beginnt in Rostock, wo meine Großeltern Bernhard von Prittwitz und Gaffron und Helene, geborene von Jagow, 1921 unter keinem glücklichen Stern geheiratet haben. Nachdem meine Großmutter einen handfesten Skandal ausgelöst hatte, ist das junge Paar vom Familiensitz Mühnitz nach Schwundnig verbannt worden. Nach dem Tod der beiden alten Herren, Ernst-Ludwig von Jagow und Wilhelm von Prittwitz, hat Helene Mut gefasst und Bernhard verlassen; einen Mann, den sie nie geliebt hat.

4 Kommentare zu „Wie kam meine Familie nach Melkof? Fünfte Etappe: Ein Unglück kommt selten allein

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