Wie kam meine Familie nach Melkof? Neunte Etappe: Eine Autoschlosserlehre mit Konsequenzen

Über das Schicksal meines Großvaters Bernhard, einen Ritter der besonders traurigen Gestalt, habe ich berichtet. Schwer hat ihm der Verlust des Familienbesitzes zugesetzt, noch härter aber traf ihn die Entscheidung meiner Großmutter Helene, ihn mit den gemeinsamen drei Söhnen zu verlassen. Bis zu dem tödlichen Granatenschuss an der Ostfront im April 1944 hat er gehofft, dass sie zu ihm zurückkehren würde.

mein Großvater mit seinen Söhnen v.l.n.r.: mein Vater Krafft-Erdmann, Wilhelm, Hoyer © Familie vP

Sie war nach der Scheidung im Jahr 1931 mit den gemeinsamen Kindern in ihrem Elternhaus in Brandenburg an der Havel untergekommen, wo sich Öli, ehemals ihre Kinderfrau, der Söhne im Alter von neun, vier und drei Jahren annahm. Endlich konnte Helene, eine attraktive, selbstbewusste und eher von ihren Gefühlen geleitetet Frau, die unter der Bevormundung ihres Vaters Ernst Ludwig von Jagow (1853 – 1930) und ihres Schwiegervaters Wilhelm von Prittwitz (1864 – 1931) gelitten hatte, ihre eigenen Wege gehen.

General Motors hatte in den 1920er und 1930ern in viele europäische Länder expandiert, so 1929 auch in Deutschland durch Übernahme der Adam Opel AG. Eben in dieser aufsteigenden und vielversprechenden Branche wollte die 30-Jährige Fuß fassen. Es heißt, dass ihr ein Verehrer signalisiert habe, dass sie nach einer abgeschlossenen Autoschlosserlehre eine Vertretung von General Motors übernehmen könne.

meine Großmutter, die Autoschlosserin © Familie vP

Bemerkenswert, dass sie ihr Vorhaben, Autoschlosserin zu werden, tatsächlich realisiert hat. Als Adlige und Mutter von drei minderjährigen Kindern und das zu einer Zeit, als Millionen Arbeitslose im Deutschen Reich gezählt und Frauen andere Plätze zugewiesen waren als in einer Autowerkstatt. Ihre Lehre hat ein Betrieb in Magdeburg möglich gemacht, wo meine Großmutter ein kleines Zimmer anmietete. Die Söhne im knapp 90 Kilometer entfernten Brandenburg sah sie ab sofort nur noch sporadisch an den Wochenenden.

Nachdem sie die Lehre zur Autoschlosserin nach zwei Jahren mit einem Diplom abschlossen hatte, wurde meine Großmutter von ihrem Ausbildungsbetrieb als Gesellin übernommen. Sie muss einen guten Job gemacht haben und soll bei den Kunden, mutmaßlich nahezu ausnahmslos männlichen Geschlechts, sehr beliebt gewesen sein. Es begab sich eines Tages, dass ein schnittiger Wagen mit defektem Auspuff vorfuhr. Der Halter: Friedrich-Franz Hubertus Heinrich Georg Conrad Gebhardt Graf von Kanitz (1908 – 1972), Sprössling eines alten Adelsgeschlechts slawischer Herkunft. Er soll sich sehr verwundert haben, in der Werkstatt eine attraktive Frau im Blaumann vorzufinden, die sich gekonnt der notwendigen Schweißarbeiten am Auspuff seines Wagens anahm. Er machte Helene Avancen und führte sie einige Male in Berlin aus. Geheiratet haben die Beiden am 28. April 1933 in der St. Matthäus-Kirche in Berlin. Wohnsitz des Paares wurde Schloss Melkof.

Oma Brandenburg“ Helene von Jagow, geb. von Enkevort © Familie vP

Ein folgenschwerer Schritt! Nicht zuletzt für die Söhne, die sich unter der liebevollen Obhut von Agnes Mahler, allseits nur Öli genannt, im Haus ihrer Großmutter Helene von Jagow (1870 – 1941) in Brandenburg sehr wohlfühlten. Mein Vater, mit fünf Jahren der Jüngste unter den Prittwitz-Söhnen, hat sogar gegen einen Umzug ins Anwesen des Stiefvaters rebelliert. Er kroch unter den Esstisch und klammerte sich so fest er nur konnte an ein Tischbein. Die anwesenden Erwachsenen hatten Mühe, den rasenden Jungen zu beruhigen. Dieser kam erst unter dem Tisch hervor, als man sich zu einem Kompromiss durchgerungen hatte. Bü, wie mein Vater Krafft-Erdmann zeitlebens in der Familie genannt wurde, durfte noch eine Weile im Haus von „Oma Brandenburg“ bleiben. – Sich durchzusetzen, das hat er früh verstanden…

der Flitzer des Grafen © Familie vP

Epilog:

Mein Vater Krafft-Erdmann ist 1928 in Schwundnig im niederschlesischen Kreis Oels geboren. Ihm und seinen Geschwistern wurde Melkof, in der Provinz Mecklenburg gelegen, 1934 zur zweiten Heimat. Der Ort liegt wenige Kilometer von Rosien entfernt, wo ich zukünftig leben werde.

Wieso und wie gelangten sie dorthin? Eine Frage, der ich im Zuge der Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ auch nachgegangen bin. Es war eine Spurensuche, die sich über viele Stationen erstreckt hat. Eine ziemlich verworrene Geschichte, die ich hier in Etappen berichte.

Sie beginnt in Rostock, wo meine Großeltern Bernhard von Prittwitz und Gaffron und Helene, geborene von Jagow, 1921 unter keinem glücklichen Stern geheiratet haben. Nachdem meine Großmutter einen handfesten Skandal ausgelöst hatte, ist das junge Paar vom Familiensitz Mühnitz nach Schwundnig verbannt worden. Nach dem Tod der beiden alten Herren, Ernst-Ludwig von Jagow und Wilhelm von Prittwitz, hat Helene Mut gefasst und Bernhard verlassen; einen Mann, den sie nie geliebt hat.

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