Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Mutmaßlich langweile ich Tante S. während unserer regelmäßigen Telefonate. Möglicherweise fordere ich ihr dabei sogar viel ab? Da einer 86-Jährigen, die nicht gut zu Fuß ist, im Alltag, allemal unter Corona-Bedingungen, nicht allzu viel geboten ist, drehen sich unsere Gespräche zwangsläufig um mich.

Verstanden hat Tante S. nie, warum ihr Patenkind aufs Land zog. Sie hatte sich völlig anderes von mir erhofft. Dass ich ein mondänes Leben in einer angesagten Stadt mit regem gesellschaftlichem und kulturellem Leben führe. Selbstredend mit einem ebenso gutaussehenden wie solventen Ehemann an der Seite, der mich mitsamt den Perlenketten und -steckern ausführt, die sie mir – beginnend ab meiner Konfirmation – zu Fest- und Ehrentagen geschenkt hat. Und was macht das Patenkind ausgerechnet in dem Dezennium, in dem noch Hoffnungen auf einen adäquaten Partner bestünden? Es zieht aufs Land!

meine Bude auf dem Land im August 2020 © Sabine Münch

Unter den Folgen, die sich für mich durch den Umzug aufs Land ergeben haben, dürfte Tante S. inzwischen mehr leiden als unter dem Umstand, dass ich seit 16 Monaten in einer strukturschwachen Gegend in einem Dorf lebe, das keine 100 Seelen zählt. Sicherlich wäre ich gut beraten, wenn ich meine Begeisterung darüber, wie man auf dem Land lebt und was man auf dem Land so macht, in meinen Telefonaten mit ihr etwas zügeln würde. Kann ich aber nicht, da mich das Leben auf dem Land begeistert.

Vieles, was hier selbstverständlich ist, stößt Tante S. bitter auf. Dass sich die Nachbarn duzen und dass der Parkplatz vor Penny ein beliebter Treffpunkt zum Klönen und Klatschen ist. Dass ich, seitdem ich auf den Hund gekommen bin, keine Absatzschuhe mehr und vornehmlich Outdoor-Kleidung trage, war schlimm. Noch schlimmer ist aber, dass ich mich so sehr für das Gärtnern begeistere, dass ich mir dafür eigens einen Grünmann angeschafft habe. „Arbeitskleidung? Kind, das steht dir doch nicht!“

meine Bude auf dem Land im August 2021 © Sabine Münch

Wenn ich enthusiasmiert von den Fortschritten spreche, die mein Rasen seit seiner letzten Düngung gemacht hat, oder bestgelaunt erzähle, wie mühselig es ist, Kanadisches Berufkraut oder Brennnesseln auszumerzen, kommt Tante S. überhaupt nicht mehr mit mir mit. Ich bin ihr dann ein großes Rätsel, nicht die Frau, die sie kennt. Nicht ausmalen wiederum kann ich mir ihre Reaktion, wenn sie bei unserem gestrigen Gespräch bemerkt hätte, wie dreckig meine Fingernägel trotz Handschuhe vom Gärtnern waren. Möglicherweise hätte sie ein Stoßgebet gen Himmel und einen Gutschein für den Besuch eines Nagelstudios nach Rosien geschickt. Mutmaßlich hätte sie aber vollends daran gezweifelt, dass ich die bin, deren Patentante sie ist.

6 Gedanken zu “Die Freude beim Gärtnern. Klappe, die Siebte

  1. Elke Wohlfarth sagt:

    Huhu Gesine, wo genau ist denn „Dein“ Dorf? Hier ist Elke aus dem Internat. Ich freue mich jetzt schon mit Dir demnächst zu plaudern. Hoffentlich Du auch? 😉

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    1. nun, nahe der Elbe. Wo bist du denn?

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      1. Elke Wohlfarth sagt:

        in Mannheim! Wäre es für Dich okay, wenn ich morgen mal anrufe?

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      2. habe derzeit Besuch. Gerne kommende Woche

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  2. Pega Mund sagt:

    schön und eindrücklich die beiden fotos übers jahr!

    ich nehme an, die begonnene reihe wird fortgeführt werden …?

    liebe grüße aus dem feuchtkühlen bayern: pega

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    1. kühl ist es hier auch – muss nicht Wässern… Setze ich fort. Bin ja so gespannt, wie es sich entwickelt. Grüße aus Niedersachsen nach Bayern

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