Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Bislang habe ich, wenn der Frühling erwacht ist, häufig an Frank Wedekind denken müssen. Jedoch nicht an sein bekanntes Drama, sondern an dessen erotische Tagebücher, die Gerhard Hay (1939 – 2014) einst transkribiert und 1986 herausgegeben hat. Ein Werk, das zu jenen gehört, die ich in Ehren halte.

Weniger wegen der darin befindlichen intimen Widmung von Gerhard. Es erinnert mich vielmehr an unsere gemeinsame Zeit, zu der er an dieser Veröffentlichung gearbeitet hat. Verschiedentlich haben wir Wedekinds Handschrift im Archiv gemeinsam entschlüsselt.

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Als sich der Frühling vor drei Tagen ungewöhnlich früh angekündigt hat, sind mir weder Wedekind noch Gerhard in den Sinn gekommen. Ich dachte ans Gärtnern, worin ich mich im vergangenen Jahr erstmals probiert hatte. Mit Blick auf meine recht dilettantischen Versuche als Gärtnerin habe ich mich bange gefragt, welche Freuden mich heuer dabei wohl erwarten würden?

erste Knospen © GvP

Ein Rundgang durch den Garten, den vor einigen Tagen noch Schnee bedeckt hat, verhieß nicht unbedingt Gutes. Begeistern konnte ich mich an dem kargen, nahezu armselig anmutenden Gehölzen nicht, die im letzten Frühjahr angepflanzt worden waren. Der Gedanke, dass die dürren und ausgetrockneten Gerippe wieder austreiben würden, erschien mir abwegig. – Davon abgesehen, dass die Hortensien demnächst zu beschneiden sind.

Mein Rundgang endete beim Blumenhartriegel Cornus kousa „Cappuccino“, dessen prächtige Blüten mich im vergangenen Jahr nahezu fasziniert haben. Nachdem ich erste Knospen an ihm ausgemacht hatte, war mir klar: die Freude am Gärtnern stellt sich alsbald wieder ein. Obschon mich dieses Vergnügen abermals viel Schweiß und Mühe sowie einige bittere Lehren kosten werden.

Schnee? Eine Kindheitserinnerung: Rodeln, Schneeball-Schlachten, Schneemänner gegebenenfalls Schneefrauen bauen. Kalte Finger und Füße. Ihr Kribbeln beim Betreten der warmen Stube. Bestenfalls roch es nach Apfel und Zimt. So ein Bratapfel im Ofen auf mich gewartet hat.

Weit zurückliegende Erinnerungen an schneereiche Winter. Seit langem ist es mir ein Bedürfnis gewesen, mich einmal wieder an einem Schneemann zu versuchen. Verwehrt haben mir das bislang die schneearmen Winter der vergangenen Jahre.

fünf Hunde (v.l.n.r): im Hintergrund Paula und Hilde, im Vordergrund Tretijak, Holly und meine Lotta-Filipa © GvP

Heuer hat es in der Elbtalaue ab Ende Januar ordentlich geschneit. Herrlicher Pulverschnee, der zum Schneemann-Bauen aber leider nicht taugt. Vorgestern lag dann doch noch der dafür benötigte Pappschnee. Zugegeben er war ziemlich schwer und mein Vorhaben entsprechend anstrengend umzusetzen. Womit sich auch erklärt, warum mein Schneemann sehr viel kleiner ausgefallen ist als ich ursprünglich vorgesehen hatte.

mein stattlicher Schneemann mit Karotten-Nase © Sabine Münch

Seine Kopfbedeckung war kein Problem für mich. Hüte und Kappen besitze ich. Die Karotte für die Nase hat Nachbarin Sabine beigesteuert, deren vier Hunde gerne Möhren fressen. Gehapert hat es an den Utensilien für die Augen meines Schneemannes. Da ich weder Kohle noch Steine zu Hand hatte, behalf ich mich – reichlich unkonventionell – mit Kerzenhaltern für einen Adventskranz.

dann kam Holly… © Sabine Münch

Auf mein Werk bin ich mächtig stolz gewesen: Ein Schneemann mit Kulleraugen und einer stattlichen Karottennase! Dann kam Sabines Hündin Holly, machte einen Satz und schon war die Nase vertilgt. Woraufhin ich den einzig richtigen Entschluss gefasst habe: Wenn fünf Hunde gemeinsam auf einem Grundstück leben, können Schneemänner keine Karottennasen haben!

mein Schneemman mit Wäscheklammer-Nase © GvP

Kurzerhand wurde Meinem eine Wäscheklammer als Nase verpasst. Das Nachsehen hatte Lotta-Filipa, die ebenfalls Möhren mag und an die Karottennase meines Schneemannes wollte. Dort mochte es zwar noch etwas nach Karotte riechen. Zum Fressen fand sich zu Hundis offensichtlichem Erstaunen an der Stelle aber nichts mehr!

Lotta-Filipas Missvergnügen © GvP

Lange Freude hatte ich an meinem Schneemann nicht. Tags darauf hat es ordentlich getaut. Inzwischen ist von meinem Werk nur noch ein kleines feuchtes Häufchen übrig. – Aber: der nächste Winter kommt bestimmt. Und so er Pappschnee mit sich bringen sollte, dann stelle ich mich beim Schneemann-Bauen bestimmt schlauer an als im letzten Winter.

Klirrende Kälte hatte das Land hier in den vergangenen Tagen fest im Griff. In der Frühe zeigte das Thermometer -12, bisweilen sogar -14 Grad. So schnell wie Hundi in der Frühe normalerweise raus will, so schnell kam sie wieder rein. „Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür.“

Wunderschön kalt ist es in den vergangenen Tagen in Rosien gewesen. Vornehmlich in jenem Moment, in dem ich noch schlaftrunken aus dem Fenster in meinen Garten schaue. Die Gemengelage aus Raureif und Schnee bietet Traumhaftes. Man reibt sich die Augen.

Die Weide glitzert. Aus den Rispenhortensien sind bizarre Gebilde geworden. Die kargen Äste der Kupfer-Felsenbirne tragen eisige Früchte. Vor dem strahlend blauen Himmel heben sich die entblätterten Äste der Bäume und Sträucher gestochen scharf ab.

Sogar die Wasserhähne im Garten, denen unter anderen Umständen ästhetisch eher wenig abzugewinnen ist, zeigen ein fantastisches Gesicht. Mitsamt Irokesenhaarschnitt!

Knirschender Schnee unter den Sohlen? Ein Geräusch, das ich nicht mehr erinnere.

Eine geschlossene Schneedecke, in der sich allenfalls Tierspuren ausmachen lassen? Ein Anblick, den ich ebenfalls nicht mehr in Erinnerung habe.

Klirrende Kälte? Dieses Gefühl, allerdings, das kenne ich noch allzu gut aus Berlin.

Vergangenen Freitag sind in Rosien am späten Nachmittag die ersten Schneeflocken des Winters gefallen. Lotta-Filipa war sichtlich irritiert. Kein Wunder. Schließlich hat sie in ihrem bisherigen Hundeleben Schnee nur ein einziges Mal erlebt. Vor sieben Jahren. Von Dauer war die weiße Pracht damals nicht. In der Stadt wird aus Schnee schnell Matsch.

Geschneit hat es in Rosien die ganze Nacht. Hundi traute sich am Morgen zunächst nicht aus dem Haus, dann war kein Halten mehr. Lotta-Filipa schien wie elektrisiert.

Der Schnee hält sich seither. Und da die Temperaturen in den Nächten neuerdings weit unter den Gefrierpunkt sinken, funkeln am Vormittag in meinem Garten Schnee und Eiskristalle. Man könnte fast meinen, sie glitzern um die Wette. Zum Staunen schön!

Im April 2020 bin ich in Rosien sesshaft geworden. In der Gemeinde Amt Neuhaus, die sich über 230 Quadratkilometer östlich entlang der Elbe erstreckt. Als ich das verwilderte Grundstück – den ehemaligen Platz 18 – erworben habe, hatte es Jahrzehnte brach gelegen. Von Früher zeugten noch Überreste von Stallungen und ein völlig zerfallenes Hauptgebäude mit einem Umfang von circa 370 Quadratmetern.

Wie das heutige Gebiet der Gemeinde, vermutete ich, dürfte wohl auch Platz 18 eine wechselvolle Vergangenheit gehabt haben. Dem wollte ich nachgehen. Leichter gedacht als getan. Erst Gespräche mit Einheimischen, die Informationen und Fotografien beisteuerten, setzten mich besser ins Bild.

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Nicht bekannt ist, wann das Gehöft in Rosien erbaut wurde. Dafür weiß man, dass zwischen 1807 und 1993 dort eine Gaststätte existiert hat, die gerne besucht wurde. Wirtshäuser gab es im Amt in nahezu jedem Ort. Sie waren jahrhundertelang Mittelpunkte des Dorflebens. Ob Versammlung, Hochzeit, Frühschoppen oder Sonntagsschmaus, ob Schützenfest oder Faschingstanz – in den meist schlicht gehaltenen Dorfschänken hat sich das öffentliche Leben größtenteils abgespielt.

die Ruine © Sabine Münch

Trotz des guten Zuspruchs wurden die Gaststätten nur nebenbei betrieben. Den Haupterwerb brachte die Landwirtschaft ein. Die Hofstellennutzer des ehemaligen Platzes 18 sind bis Mitte des 19. Jahrhunderts sogenannte Halbhufner gewesen. Darunter verstand man einen Bauer oder Pächter, der eine Fläche zwischen 12 und 26 Hektar Land bewirtschaftet hat. Ab 1807 hat der Halbhufner Johann Jürgen Beu die Gaststätte in Rosien geführt. An der Gepflogenheit, Gäste zu bewirten, hielt die Familie vier Generationen fest.

Überliefert ist, dass das Gehöft im Dezember 1907 auf die Familie Knaack überging, die den Gasthof fortgeführt hat. Berichtet wurde mir, dass dazu auch ein imposanter Saal gehört hat, in dem die Dorfbewohner gerne gefeiert, viel gelacht und ausgiebig getanzt haben. Versammlungen wurden ebenfalls dort abgehalten. So kam beispielsweise ab Mai 1910 Rosiens Freiwillige Feuerwehr regelmäßig bei Knaacks zusammen. Zum Ensemble dürfte auch ein Biergarten gehört haben. Das lassen jedenfalls die zahlreichen Flaschenhälse und Glasscherben vermuten, die ich bisher auf meinem Grundstück habe aufsammeln dürfen.

Wieviel Bier in der Kneipe getrunken wurde, ist für die 1920er Jahren verbrieft: 45 Tonnen jährlich, was genau 5.152 ½ Litern entsprach. In Eigenregie zu brauen, war Dörfern damals untersagt. Den Gerstensaft für Rosien hat man aus dem Amtsbrauhaus bezogen. In der Kirchstraße in Neuhaus befand sich seit 1913 eine Niederlassung der Lüneburger Kronenbrauerei. Günther Hagen weiß zu berichten, dass sie seinerzeit von Ernst Wilke betrieben wurde.[1] Zu den teilweise entlegenen Gaststätten im Amt sind die Fässer mit dem Pferdefuhrwerk transportiert worden.

Fortschritte in der Postzustellung und Telefonie haben alsbald die Kommunikationswege in Deutschland verändert. Aber erst nachdem Klagen aus den ländlichen Regionen laut geworden waren, ist man ab Sommer 1927 dazu übergegangen, die Postzustellung auf dem Land zu reorganisieren. In Dörfern und kleineren Gemeinden wurden Posthilfsstellen mit Telefonanschlüssen eingerichtet. So auch bei der Familie Knaack, in deren Gaststätte zwischen August 1928 und Dezember 1938 eine Filiale untergebracht war, die immerhin tagtäglich vom „Postkraftwagen“ angefahren wurde.

Letzter männlicher Betreiber der Hofstelle auf Platz 18 aus der Familie ist Walter Knaack gewesen, der 1938 um 48 Hektar Land bewirtschaftet hat. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus und viele Männer aus dem Kirchspiel Neuhaus/Elbe wurden eingezogen. Der Heimatforscher und langjährige Direktor der Polytechnischen Oberschule in Neuhaus, Werner Hüls (1926 – 2016), hat sich bemüht, die Namen der Männer zusammenzutragen, die aus dem Amt in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts ihr Leben gelassen haben. Darunter ist auch der Name von Walter Knaack. Er wurde ab Juli 1943 an der Ostfront vermisst.[2]

Nach dem verlorenen Krieg haben die Amerikaner das Gebiet Ende April 1945 eingenommen. Hinter Platz 18 existierte im Frühjahr in Rosien ein Lager mit circa 10.000 Gefangenen, die sukzessive über Pontonbrücken in den Westen gebracht wurden. Wie auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 beschlossen, wurde das Amt der Britischen Besatzungszone zugeschlagen. Am 1. Juni wichen die Amerikaner den Briten, die wiederum entschieden, das Gebiet den Sowjets zu überlassen, die es am 1. Juli 1945 unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die Angst unter der Bevölkerung war damals groß. Viele haben sich im Westen eine neue Heimat gesucht.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Alliierten begannen, divergierende Interessen zu verfolgen. Der Kalte Krieg warf seine Schatten voraus. Auch im Amt dürften erste Flugblätter wie dieses kursiert haben: „Wir rufen alle auf, zu helfen, dass aus dem junkerlichen Mecklenburg-Vorpommern ein Land der Demokratie, ein Mecklenburg-Vorpommern freier Bauern wird, wo die Bauern und nicht mehr die Junker die Nutznießer des Bodens sind.“

Die Bodenreform wurde in der Sowjetischen Besatzungszone ab September 1945 in Angriff genommen und bis 1950 rigoros durchgesetzt. Landwirtschaftsbetriebe und Güter mit einer Fläche von über 100 Hektar und Besitzer kleinerer Höfe, die als Kriegsverbrecher oder als aktive NSDAP-Mitglieder galten, wurden entschädigungslos enteignet. Im Kreis Hagenow waren davon circa 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche betroffen. Mehr als 30.000 Hektar wurde an über 6.300 Kleinbauern und Umsiedler vergeben, der Rest als Volkseigentum deklariert.

Vieh, Maschinen und anderes Brauchbares haben sich die Russen als Reparationen für erlittene Schäden genommen. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Lothar Borbe, dass auch der Kiefernwald nahe Neuhaus zu diesen Zwecken gefällt werden musste.[3] Die Zeiten waren hart. Überall fehlte es am Nötigsten. Und der Hunger war allgegenwärtig.

Kaum vorstellbar, dass die Gaststätte in Rosien in den ersten Nachkriegsjahren Raum für Geselligkeit geboten hat. Eher ist zu vermuten, dass Flüchtlinge, die zahlreich in den Dörfern an der Elbe Zuflucht gesucht hatten, auch dort provisorisch untergebracht waren. Bewirtschaftet wurde Platz 18 nach dem Krieg von der Witwe Elly Knaack, der Tochter Thea zur Hand ging.

die Freiwillige Feuerwehr vor der Gaststätte © Familie Nörren

Die immer drastischeren Erhöhungen der Pflichtablieferungen in der Landwirtschaft machten das Leben mitnichten leichter. Bald haben sie das Leistungsvermögen vieler bäuerlicher Betriebe überstiegen, sodass sich immer mehr Bauern in den Westen absetzten, andere haben ihren Hof aufgegeben. Im Januar 1956 hat Elly Knaack Platz 18 mit knapp 25 Hektar Land Hermann Mosel überschrieben. Einem geschäftstüchtigen Wirt, wie sich herausstellen sollte. Denn alsbald erwachte das Rosiener Gasthaus zu neuem Leben.

Kaum hatte Mosel das Gehöft übernommen, fand sich die auch Freiwillige Feuerwehr wieder in der Kneipe ein, die in den vergangenen Jahren anderenorts getagt hatte. Am 8. Januar 1956 wurden dort noch offene Fragen für einen Maskenball besprochen, der in Mosels Festsaal am 22. Januar 1956 stattfinden sollte. Unter anderem ist der Beschluss gefasst worden, dass die fünf Maskierten, die als Erste im Lokal einträfen, keinen Eintritt zu zahlen hätten.

In Feierlaune war man damals wohl eher selten. Denn der psychologische und ökonomische Druck auf die Bauern nahm zu, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen. Erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) vom Typ I, in denen lediglich das Ackerland genossenschaftlich bewirtschaftet wurde, hatten sich im Amt in den beiden Elbdörfern Vockfey und Neu Garge bereits im November 1952 gebildet. Dem Entschluss, sich dem Willen der Partei unterzuordnen, waren allerdings verstörende Ereignisse vorausgegangen.

Am 14. Mai 1952 hatte der Ministerrat der Sowjetunion die Schließung der deutsch-deutschen Grenze beschlossen und Maßnahmen zur Grenzsicherung an die SED-Spitze weitergegeben. Entlang der Demarkationslinie zwischen der DDR und der BRD wurde ein 5-Kilometer-Sperrgebiet eingerichtet und in „Nacht- und Nebelaktionen“ Personen aus den betroffenen Gebieten zwangsumgesiedelt.[4]

So etwa in Vockfey und Neu Garge, wo Anfang Juni allein 67 Menschen von den drastischen Maßnahmen betroffen waren.[5] In Mecklenburg sind zwischen Anfang und Mitte Juni 1952 insgesamt 490 Familien, sprich 1.885 Personen aus ihren Ortschaften, Dörfern und Gemeinden vertrieben worden.[6] Ohne Vorankündigung und Nennung von Gründen, binnen Stunden unter entwürdigenden Bedingungen.

Seit der 2. Parteikonferenz im Jahr 1952 hat die SED immer entschiedener versucht, Bauern zum LPG-Beitritt zu drängen. Doch gängeln lassen wollten sich die Landwirte nicht. Obwohl manche Vergünstigungen wie etwa die Verringerung des Abgabesolls oder verdoppelte Ankaufspreise lockten, konnte sich die LPG des Typs III lange nicht durchsetzen, in die der gesamte landwirtschaftliche Betrieb nebst Vieh, Maschinen und Wirtschaftsgebäuden einzubringen war. Erst nachdem die Kollektivierung unter dem beschönigenden Motto „Sozialistischer Frühling auf dem Land“ Anfang 1960 forciert wurde und Agitatoren von Haus zu Haus gingen, die die Bauern massiv unter Druck setzten, nahm die Entwicklung auf dem Land seinen erwünschten Gang. Hermann Mosel trat im März 1960 der LPG „Renz“ Typ III bei, die sich erst wenige Tage zuvor in Rosien gebildet hatte.

Seine Gaststätte blieb. Auf der Karte dürften damals gängige Speisen wie „Bockwurst mit Kartoffelsalat und Beilage“ oder „Soljanka mit Brot“ gestanden haben. Infolge der subventionierten Gaststättenpreise war eine Brotzeit nebst einem Glas Bier für 40 Pfennig oder eine Fassbrause für 21 Pfennig erschwinglich. – Zeiten, die lange vorbei sind.

die Gaststätte nach dem Umbau © Hans-Peter Wulff

Nach Hermann Mosels Tod hat die Dorfkneipe zunächst dessen Sohn weitergeführt. 1990, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung, wurde sie an einen Betreiber aus Westdeutschland verpachtet, der dem traditionsreichen Gasthof den Namen „Die Rosiene“ gab. Die Gaststätte ließ er umbauen. Allerdings wollte der neu hinzugefügte Anbau nicht so recht zum althergebrachten Ziegelbau mit prächtigem Satteldach passen, wie es für die Architektur der Region stilbildend war. Statt Soljanka stand nun Wildsülze auf der Karte.

1992 traten zwei Kaufleute aus Hamburg an, um die Hofstelle 18 zu erwerben. Nebst dem angrenzenden Platz 19, der seit 1554 einer Familie Graf gehört hatte. Die seit 1807 existierende Gaststätte wurde noch bis 1993 betrieben, eine Zeitlang unter dem klingenden Namen „Rote Laterne“.

Nachdem auch dieser Versuch gescheitert ist und Gäste ausblieben waren, hat sich der Pächter hochverschuldet bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht. Platz 18 war dem Wildwuchs und Zerfall preisgegeben. Gebrannt haben soll es dort auch. Zuvor aber, so wurde mir erzählt, hätten die Gläubiger alles, was halbwegs brauchbar gewesen war, an sich gebracht.

Viele Jahre später haben Sabine, die inzwischen den ehemaligen Platz 19 bewohnt, und ich ein verwittertes Schild mit der Aufschrift „Bauland zu verkaufen“ entdeckt. Das aber ist eine andere Geschichte.


[1] Günther Hagen: Amt Neuhaus in alten Ansichten. Band 2, Zaltbommel/Niederlande2001, Abbildung 25

[2] Ilse und Werner Hüls (Hrsg.): Unser Amt Neuhaus. Sonderheft 4: Zum Gedenken an die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft, bz.druck 2012, S. 46

[3] Lothar Borbe: An Elbe, Memel und Krainke, Berlin 2004, S. 219

[4] Siehe dazu u.a.: Volker Bausch, Mathias Friedel, Alexander Jehn (Hrsg.): Die vergessene Vertreibung, Oldenbourg 2020

[5] Siehe dazu u.a.: Karin Toben: Heimatsehnen, Neuhaus 2008

[6] Zitiert nach: Andrea Thorun: Juni 1952, Schriftenreihe des Museums der Stadt Hagenow, Hagenow 1992, S. 23

So sich ein Städter mit dem Gedanken trägt, aufs Land zu ziehen, kommen alsbald die Bedenkenträger ins Spiel. Jene, die es vermeintlich gut mit einem meinen, und vor allem die, die einen besonders gut zu kennen meinen.

„Du bist eine (Groß-)Städterin.“ „Was willst du im Dorf?“ „Dort gehörst du nicht hin.“ „Landleben?! Das steht dir nicht.“ „Du passt doch nicht aufs Dorf!“ – Assoziiert wird hier offenbar ein pejorativer Begriff: die Landpomeranze, die wohl eher wenig zu mir passt.

weite Stille © GvP

Hat man seinen Plan erst einmal realisiert, haben die Bedenkenträger vorerst keine solch‘ gut gemeinten Fragen mehr. Sie warten tatsächlich darauf, dass sich für den frischgebackenen Dörfler Fallstricke und Gräben auftun werden, die ihn eines Besseren belehren: nämlich dass er nicht aufs Land passt! Nicht ins Dorf hingehört!

Allzu lange halten die Schwarzseher und Skeptiker jedoch nicht still. Denn Bedenkenträger sind nicht nur Rechthaber, sie sind auch denkbar schlechte Verlierer. Heuchlerisch melden sie sich aus der Ferne zu Wort: „Wie ist es denn so auf dem Land? Geht’s dir gut? Du brauchst doch sicher etwas aus der Stadt?“ Dass es dem Neuling im Dorf gut geht und es ihm an nichts fehlt, nehmen sie zwar kommentarlos hin, ihm aber nicht ab.

stille Weite © GvP

Im festen Glauben, dass sich für den frischgebackenen Dörfler in absehbar Zeit noch etliche Fallstricke und Gräben auftun werden, halten die Skeptiker und Schwarzseher abermals ein Weilchen die Füße still, bevor sie in die Offensive gehen und kein Blatt mehr vor den Mund nehmen: „Und? Bereust du deine Entscheidung?“

Sogar mit einem noch so entschiedenen „Nein!“ können sich die Bedenkenträger nicht zufriedengeben. Das Vorurteil, dass es sich in der Stadt besser lebt als auf dem Land, hält sich hartnäckig. Man polarisiert, statt sich bewusst zu machen, dass ein Dorfleben völlig andere Qualitäten hat. – Und ich scheine nicht dazu fähig zu sein, Städtern begreiflich machen zu können, dass mir diese Vorzüge sehr viel wert sind. Sie bestehen weiterhin darauf: „Dir fehlt doch etwas?“ „Bereust du es nicht, auf dem Land zu leben?“

Es geht ja die Rede, dass die Adventswochen und die Weihnachtsfeiertage die „stade Zeit“ seien. Die stille Zeit… Dem Lebensgefühl vieler entspricht das wohl eher nicht.

Hier fühlt sich die Zeit aber momentan tatsächlich stade an. Seitdem die Temperaturen sinken und die immer früher einsetzende Dunkelheit Mensch, Tier und der Natur vorgaukelt, dass die Tage kürzer werden, kehrte auch auf meinem Grundstück Ruhe ein. Der Rasen wächst nicht mehr und die Anpflanzungen bedürfen kein Wasser mehr; sogar die Acker-Kratzdisteln und die Melde haben sich zurückgezogen. Mutmaßlich um ordentlich Kräfte zu sammeln, um mich in der kommenden Gartensaison beim Versuch, Melde und Acker-Kratzdisteln auszumerzen, einmal wieder um meine Kräfte zu bringen.

Eine stade Zeit ist angebrochen, die ich sehr genieße. In Dankbarkeit, dass das Erbe meines Vaters mir ermöglicht hat, in der Elbtalaue Fuß zu fassen. In einer Idylle, die durchaus Risse hat, mich aber immer wieder staunen und spontan denken lässt: Oh, wie schön ist es hier!

Der weite Blick, den ich bevorzuge, hat zu dieser Jahreszeit, in der Bäume und Sträucher ihr Laub abgeworfen haben und die riesigen Maisfelder abgeerntet sind, noch an Weite gewonnen. Die nicht mehr in voller Pracht entfaltete Natur zieht mich ob ihrer kargen Schönheit in Bann. Die Ruhe, die in den wärmeren Jahreszeiten bisweilen Fahrradfahrer und andere Spaziergänger stören, ist jetzt vollkommen. Vom faszinierenden Stimmengewirr der in Scharen über mich hinwegziehenden Graugänsen, Kranichen und Schwänen abgesehen. Die Vögel bieten mir Schau- und Hörspiele, die ihresgleichen suchen. Und der Wind, den ich mag, legt – wenn auch zu dieser Jahreszeit viel eisiger – noch kräftig zu.

Stader kann eine Zeit für mein Dafürhalten kaum sein. – Und mit der Adventszeit und dem bevorstehenden Weihnachtfest hat das eben rein gar nichts zu tun.

Städter, die damit liebäugeln, in ländliche Regionen zu ziehen, verbinden damit vielfach den Wunsch, auf dem Land entschleunigen zu wollen. Eine idealtypische Vorstellung, hinter der schlechthin das Vorurteil steht, dass es auf dem Land langsamer zuginge als in der Stadt.

Für mein Dafürhalten ist das ein weit verbreiteter Irrtum. Denn auf dem Land, so zumindest meine Erfahrung, geht es nicht langsamer, sondern pragmatischer zu als in der Stadt. Was wiederum dem Umstand zuschulden sein mag, dass man sich in ländlichen Regionen genötigt sieht, produktiver und effektiver mit Zeit umzugehen als in der Stadt.

Aushang im Rosiener Wartehäuschen © GvP

Amtliche Verlautbarungen, Satzungen oder Bekanntmachungen wie zum Beispiel die Tagungsordnungspunkte der kommenden Ratssitzung, die für jedermann zugänglich zu machen sind, hängen in Amt Neuhaus in Bus-Wartehäuschen und anderen frequentierten Plätzen aus. Das nennt sich: transparente Demokratie. In Berlin hätte ich danach vermutlich lange (im World Wide Web) suchen müssen.


Bullen © GvP

Für einen Städter anfangs reichlich befremdlich ist, wie man auf dem Dorf Terminabsprachen handelt. Oftmals gar nicht, man kommt einfach spontan vorbei. Frei nach dem Motto: „Liegt auf der Strecke, fahre auf dem Rückweg von W. bei G. vorbei. Sie wird schon da sein. Wenn nicht, war es kein Umweg.“ Bestenfalls erreichen einen im Vorfeld von Zusammenkünften vage Aussagen wie etwa die: „Komme nachher vorbei.“ Was meint nachher? Fragt sich dann der Städter, dessen Stresspegel steigt. Denn der braucht bekanntlich für seine Terminplanung – mindestens – ein Zeitfenster.

Pragmatisch, (und nicht etwa wortkarg wie ein anderer Mythos über das Leben auf dem Land meint), ist hier auch der Sprachgebrauch. „Moin“ geht zu jeder Tages- und Nachtzeit, und auf der Weide hinter meinem Haus stehen „Bullen“, obschon sogar für einen Städter deutlich erkennbar ist, dass die Mehrzahl der vermeintlichen Bullen Kühe und Kälber sind.

Heute wurden die Kälber separiert; sie werden geschlachtet. Die Elterntiere laufen seither brüllend irritiert umher. Mir geht das ans Gemüt. – Ein pragmatischeres Verhältnis zu Nutztieren haben sie hier auch.

Ein Sohn aus Neuhaus an der Elbe ist Carl Peters. Nicht zu verwechseln mit Karl Peters (1806 – 1872) der im 19. Jahrhundert im Ort ein beliebter Pastor gewesen ist. Weshalb die ortsansässige Baumschule 2017 eine Neuzüchtung nach dem Pfarrer benannte, der wiederum der Vater des Erstgenannten ist.

An den Sohn erinnert in Neuhaus ein mächtiger Findling im Vorgarten des heutigen Gemeindehauses, das 1993/94 durch Umbauten des ehemaligen Pfarrhauses entstanden ist, in dem Carl am 27. September 1856 zur Welt gekommen war. Auf dem Findling eingraviert ist die Aufschrift: „Unserem Dr. Carl Peters. Begründer von Deutsch-Ostafrika“. Das Ensemble befindet sich in der heutigen Parkstraße. Zu DDR-Zeiten hieß die schmale Gasse, die zum Hotel Hannover führt, Stalinallee. Zuvor soll sie den Namen von Carl Peters getragen haben.

der Findling vorm Gemeindehaus © GvP

Der solcherart Geehrte hatte sich 1884 eigenmächtig nach Afrika aufgemacht, um sogenannte Schutzverträge auszuhandeln. Humanitär oder gar christlich motiviert war seine Mission nicht. Bis heute nennen Ostafrikaner ihn „Mkono-wa-damu“ – „der Mann mit den blutigen Händen“. In der Dokumentation „Kolonien unter der Peitsche“ heißt es über Carl Peters, dass er „ein Psychopath mit sadistischen Neigungen, krankhaft übersteigertem Geltungsbedürfnis und hysterischem Ehrgeiz“ gewesen sei. Der Historiker Hans-Ulrich Wehler nannte ihn in seiner Studie „Bismarck und der Imperialismus“ einen „ultranationalistischen Psychopathen, der das messianische Sendungsbewusstsein hatte, ausersehen zu sein, Deutschland ein Weltreich für die kommenden Jahrtausende zu schaffen.“

Nachdem im Kaiserreich bekannt geworden war, welche Gewalttätigkeit gegen Indigene Peters sich herausgenommen hatte, wurde er 1895 von seiner Funktion als Reichskommissar des Kilimandscharo-Gebietes, sprich: dem „Schutzgebiet Deutsch-Ostafrika“ entbunden. Zwei Jahre später ist er infolge eines Disziplinarverfahrens unehrenhaft aus dem Kolonialdienst entlassen worden. Längst hatte „Hänge-Peters“, wie er in der Öffentlichkeit nun genannt wurde, sich nach England abgesetzt, wo er eine Bergbaugesellschaft gründete, die mehrere Minen in Südafrika betrieben hat.

Bei Ausbruch des Ersten Weltkrieges kehrte er nach Deutschland zurück. Er erhielt seinen Pensionsanspruch zurück, den Titel „Reichskommissar a.D.“ hatte Wilhelm II. ihm bereits 1905 im Zuge einer Rehabilitierungskampagne wieder zugestanden. – Carl Peters betätigte sich fortan publizistisch und ist während eines Kuraufenthaltes in Woltdorf bei Peine am 10. September 1918 verstorben. Er wurde in Hannover, seinem zeitweiligen Wohnort, beigesetzt.

Das Denkmal

Mit dem erstarkenden Nationalsozialismus wurde der Kolonialpionier enorm aufgewertet. Nun galt er als Vorreiter deutscher Herrschaftsansprüche und als Prototyp des deutschen „Herrenmenschen“. Der Peters-Kult nahm beträchtlichen Aufschwung. Sein Konterfei zierten Briefmarken, ein Kriegsschiff wurde nach ihm benannt, ein Propagandafilm mit Hans Albers über sein Leben gedreht und es gab kaum eine Stadt, in der nicht Straßen und Plätze nach ihm benannt wurden.

So auch in Neuhaus an der Elbe, seiner Heimatstadt. Den kolossalen Findling hatte die 1884 von Carl Peters gegründete „Gesellschaft für Kolonisation“ gestiftet. Aufgestellt wurde er anlässlich Peters‘ 75. Geburtstages am 27. September 1931 im Garten seines Geburtshauses. Im Beisein von örtlichen Honoratioren, Mitgliedern kolonialer Interessenverbände, darunter ist auch der letzte Kommandeur der deutschen „Schutztruppe“ von Ostafrika, General Paul von Lettow-Vorbeck (1870 – 1964), gewesen, sowie Vertretern des Stahlhelms und der NSDAP. Günther Hagen weiß in seinen gesammelten alten Ansichten von Amt Neuhaus zudem über das Ereignis zu berichten, dass „politische Gegner“ den Stein in der Nacht vor der feierlichen Enthüllung mit roter Farbe übergossen hätten und dass Apotheker Benz die Flecken gerade noch rechtzeitig vor Eintreffen der illustren Gäste habe beseitigen können.“[1]

Schon 1894 hatte Neuhaus anlässlich eines Besuches Peters für ihren Bürger beim Baumeister Kurt Hoffmann das „Carl-Peters-Lied“ in Auftrag gegeben; einen Lobgesang, der den Kolonialpionier und seine Geburtsstadt ordentlich rühmen sollte. Dem Vernehmen nach soll Baumann, der für seine kolonialen Liedtexte damals bekannt war, mit Peters befreundet gewesen sein. – Die erste Strophe lautet so:

„Heil dem Ort, in dessen Mauern einst des Helden Wiege stand

Den mit immergrünem Lorbeer dankbar schmückt das Vaterland

Der in unsrer Kolonien Kranz die schönste Blüte wand:

Heil sei Neuhaus an der Elbe, wo Karl Peters Wiege stand.“

Nach der feierlichen Enthüllung des Findlings im September 1931 hatte der Stein 20 Jahre lang seinen Platz im Vorgarten des Neuhauser Pfarrhauses gefunden. Bis er 1951 anlässlich des 95. Geburtstages von Carl Peters mit Blumen geschmückt wurde. Es heißt, dass Mitglieder der FDJ (Freie Deutsche Jugend – die Jugendorganisation der DDR) die Ehrung vorgenommen hätten. Die SED-Kreisleitung fackelte nicht lange. Unverzüglich war der Entschluss gefasst, den Gedenkstein zu beseitigen. Eigentlich sollte er im Carrenziener See versenkt werden. Da man Transportprobleme mit dem Koloss hatte, wurde entschieden, ihn 50 Zentimeter tief im Vorgarten des Pfarrhauses zu vergraben.

Dort ruhte er 43 lange Jahre. Der verbuddelte Findling tauchte erst 1994 wieder auf, als das Neuhauser Pfarrhaus zum Gemeindehaus umgebaut wurde. Die Diskussionen, ob man den Gedenkstein wieder aufstellen solle oder nicht, verliefen damals offenbar recht kontrovers. Einige Stimmen, die sich dafür ausgesprochen haben, sind kolportiert. Etwa, dass der Kolonialist von der DDR-Propaganda zum Schwarzen Peter der DDR-Propaganda aufgeblasen worden sei, oder, dass man das Bild vom Verbrecher vergessen könne, wenn man sich eingehender mit ihm beschäftigen würde. Peters sei „ein radikaler Zeitgeist, aber kein Massenmörder“ gewesen. Ein „sündiger Mensch“, den man „im Lichte seiner Zeit betrachten müsse.“

Am Ende haben sich die Befürworter durchgesetzt; der Stein wurde 1995 wieder aufgestellt. Der ehemalige Schuldirektor und Heimatkundler Werner Hüls (1926 – 2016) steuerte dafür eigens eine Informationstafel bei: „Dr. Carl Peters wurde am 27. September 1856 im Pfarrhaus zu Neuhaus/Elbe geboren. Er vertrat die Idee eines großen deutschen Kolonialreiches und gilt als Begründer der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Die Kolonialpolitik hat sich insgesamt als ein Irrweg erwiesen. Die Persönlichkeit des Dr. Carl Peters, sein Wirken und der Gedenkstein sind umstritten“.

die Tafel von Werner Hüls © GvP

Hüls knappe Worte lassen den damaligen Disput nur erahnen. Seine Tafel jedenfalls führt seitdem ein beredetes Eigenleben, denn sie verschwindet regelmäßig. Am Gedenkstein hingegen wurde bisher nicht gerüttelt.

Profunderes Wissen über den Kolonialisten Carl Peters konnte man tatsächlich lange Zeit nicht voraussetzen. Denn Jahrzehnte lang hatte man versucht, die Gräueltaten in den sogenannten Schutzgebieten des deutschen Kaiserreichs vergessen zu machen und den Glauben genährt, als seien die Deutschen eine „gute Kolonialmacht“ gewesen. Gerade so als habe es keine Unterdrückung, keine Sklaverei, keinen Raub, keine „Menschenzoos“ und keine Gewalt und massenhafte Vernichtung gegeben.

Zwar hat die schwarz-rote Koalition 2018 nach zähem Ringen den Beschluss gefasst, die koloniale Vergangenheit aufarbeiten zu wollen. Doch erst jüngst – mit den neu entbrannten Rassismus-Debatten und der internationalen Bewegung „Black Lives Matter“, in deren Folge allerorten Denkmäler und Statuten von Rassisten und Sklavenhändlern gestürzt werden – sind die Verbrechen der Kolonialzeit in ein breiteres Bewusstsein getreten.

Nun ist es nicht etwa so, dass man sich dessen in der Gemeinde Amt Neuhaus nicht bewusst wäre. Auf einer Sitzung Anfang Juli 2020 hat Bürgermeister Andreas Gehrke erklärt, dass die Debatte um den Bürger der Stadt „abseits des Halbwissens auf einer wissenschaftlichen Basis geführt“ werden solle, wofür er „allerdings noch die richtigen Ansatzpunkte“ suche.[2]

Kommt der Stein jetzt ins Rollen? – Beispiele, wie man umstrittene Denkmäler umwidmen und kritisch mit ihnen ungehen kann, gibt es inzwischen an einigen Orten.

Kurz nach Veröffentlichung des Beitrages kam diese Information: Seit einem Vierteljahr existiere ein „Arbeitskreis Carl-Peters-Stein“. Er habe sich am Rande des Gemeinderates von Amt Neuhaus konstituiert und würde „für die Nach-Corona-Zeit“ Anstöße mit dem erklärten Ziel erarbeiten, „etwas zu verändern.“


[1] Rassismus-Debatte hält Einzug in die Gemeinde; in Hagenower Kreisblatt vom 8. Juli 2020.


[2] Amt Neuhaus in alten Ansichten. Von Günther Hagen, Zaltbommel/Niederlande 1994.

Das Carl-Peters-Lied von Kurt Hoffmann (1894)

1. Heil dem Ort, in dessen Mauern einst des Helden Wiege stand

den mit immergrünem Lorbeer dankbar schmückt das Vaterland

der in unsrer Kolonien Kranz die schönste Blüte wand:

Heil sei Neuhaus an der Elbe, wo Karl Peters Wiege stand

2. Feurig für die Kolonien stritt der Held in Schrift und Wort

der Begeisterung heilge Flamme facht er an in Süd und Nord

Wie der Waldbrand wuchs sie zündend rings im Vaterlande fort:

Vaterland und Kolonien war des Helden Losungswort

3. Seine Taten sahn die Völker voller Staunen tatenlos

siegreich schickt er seine Streiter in des dunklen Erdteils Schoß

Unter seiner Gegner Augen wuchs die Macht ihm riesengroß

und der Briten stolze Hoffnung gab der Held den Todesstoß

4. Für den Deutschen Emin Pascha bracht er sich zum Opfer dar

tausend dunkle Todesarme reckten dräuend die Gefahr

doch durch unerforschte Lande zog er sieghaft wie der Aar:

furchtlos bracht er sich zum Opfer auf des Vaterlands Altar

5. Listenreich und kühn und tapfer, auch im Unglück treu und echt

macht er seine schwarzen Krieger stets zum Sieger im Gefecht

Landerwerber, Städtestürmer, leuchtend Vorbild dem Geschlecht

scharfen Geistes, nimmer müde, auch im Unglück treu und echt

6. Und nach Neuhaus an der Elbe, dessen größter Sohn er war

kehrt nach tatenreichem Leben er zurück nach manchem Jahr

Und der Rührung Träne schimmert ihm im Auge hell und klar

Heil sei Neuhaus an der Elbe, das den großen Sohn gebar!

Wer meint, auf dem Dorf sei nichts los, der kennt Rosien in der Elbtalaue nicht. Kaum kommt die Nacht, tobt hier der Bär! So laut, dass Hundi – seitdem die Tage kürzer geworden sind – bei einbrechender Dunkelheit in Rage gerät. Offensichtlich schlägt Lotta-Filipa das nächtliche Treiben nicht aufs Gemüt, sondern auf die Ohren. Kein Wunder bei ihrem feinen Gehör.

Mich nervt Hundis Gekläffe. Umso mehr wenn sie nächtens im Haus jault: „Ich muss raus! Nach dem Rechten schauen. Die treiben es in Rosien wieder bunt!“

Als ehemaliger Stadtmensch, genauer: als Großstadtbewohner, ist man Geräuschpegel ja gewöhnt. Dass sie es hier in Rosien noch doller treiben als in Berlin, wollte mir aber nicht so recht in den Sinn. Sabine, die sich auf das andauernde Kläffen Lotta-Filipas ebenso wenig einen Reim machen konnte wie ich, entschied, dem nächtlichen Treiben auf die Spur kommen zu wollen. Eine Nachtkamera wurde installiert.

Inzwischen wissen wir, wer nächtens auf unserem Grundstück Party feiert. Zwar tobt hier nicht der Bär. Dafür aber ein Waschbär und das gemeinsam mit einer Katze, einem Marder und einem jungen Fuchs.

Und Lotta-Filipa? Die hat die Nachtkamera beim Partygang ebenfalls erwischt. Mir schwant: Hundi will nachts nicht etwa aus dem Haus, um nach dem Rechten zu sehen. Sie will einfach auch nur Spaß haben!