Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Cornus kousa mit Bonbons © GvP

Etwas mehr vom Gärtnern als im vergangenen Jahr verstehe ich mittlerweile. Habe die Acker-Kratzdisteln halbwegs im Griff, komme mit Rindenmulch und dem Dosieren von Dünger besser zurecht und kann auf mein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit integrierter LED-Beleuchtung zu Recht stolz sein. Was wo in meinem Garten gepflanzt wurde, kann ich Besuchern inzwischen auch aus dem EffEff erklären. Dass das allein dem Umstand zu danken ist, weil ich mir einen Spickzettel mit Standort und Namen des Angepflanzten angefertigt hatte, den ich inzwischen auswendig kann, brauche ich ja niemanden zu verraten.

Darüber hinaus stehe ich mit Fauna und Flora weiterhin auf dem Kriegsfuß. Trotz diverser Pflanzenbestimmungsbücher und -apps, die im vergangenen Jahr angeschafft wurden. Zu meiner Ehrenrettung muss gesagt sein, dass es mir weder die Natur noch die Botanik leicht machen. Denn nichts anderes als Wortungetüme haben sich die Pflanzenentdecker und -bestimmer einst ausgedacht. Zwar habe ich vor Jahren im Zusammenhang mit meinem Studium das Kleine Latinum gepaukt, erinnere mich aber nicht, dass ich für die Übersetzung des „Bellum Gallicum“ jemals Pflanzennamen gebraucht hätte.

Malus Rudolph mit Kirschen © GvP

Und deren Übertragungen ins Deutsche? Die kann ich mir ebenso wenig merken wie die lateinischen Bezeichnungen. Zumal die deutschen Namen für meine Begriffe so gut wie nie mit dem Aussehen der jeweiligen Pflanze, von der ich wissen will, wer und was sie ist, kompatibel sind. Der Wollige Schneeball (Viburnum lantana) bespielsweise sieht weder wie ein Schneeball noch wie Wolle aus. Und der gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare)? Der ist in meinen Augen alles andere als gewöhnlich. Der fällt nicht nur seiner schönen Farbe wegen aus dem Rahmen.

Womit wir bei der Natur wären, die mir das Einordnen und beim Namen nennen ebenso schwer wie die Botanik macht, die für mein Dafürhalten endlich vom Kopf auf die Füße gestellt gehört. Das jedenfalls, was in meinem Garten angepflanzt wurde, passt nicht immer in das Bild, das die Natur vorgibt. Am Zierapfel (Malus) Rudolph wachsen – wie ich bei meinem heutigen Rundgang feststellen musste – nicht etwa Äpfel, sondern Kirschen! Die sechs immergrünen Schneebälle (Viburnum rhytidophyllum) warten mit schwarzen und roten Johannisbeeren auf. Völlig aus dem Tritt ist der Blumen-Hartriegel (Cornus kousa „Cappucino“). Er trägt riesige ungezuckerte Himbeerbonbons; böse Zungen behaupten sogar, an ihm mutiere ein Virus.

Mutmaßlich langweile ich Tante S. während unserer regelmäßigen Telefonate. Möglicherweise fordere ich ihr dabei sogar viel ab? Da einer 86-Jährigen, die nicht gut zu Fuß ist, im Alltag, allemal unter Corona-Bedingungen, nicht allzu viel geboten ist, drehen sich unsere Gespräche zwangsläufig um mich.

Verstanden hat Tante S. nie, warum ihr Patenkind aufs Land zog. Sie hatte sich völlig anderes von mir erhofft. Dass ich ein mondänes Leben in einer angesagten Stadt mit regem gesellschaftlichem und kulturellem Leben führe. Selbstredend mit einem ebenso gutaussehenden wie solventen Ehemann an der Seite, der mich mitsamt den Perlenketten und -steckern ausführt, die sie mir – beginnend ab meiner Konfirmation – zu Fest- und Ehrentagen geschenkt hat. Und was macht das Patenkind ausgerechnet in dem Dezennium, in dem noch Hoffnungen auf einen adäquaten Partner bestünden? Es zieht aufs Land!

meine Bude auf dem Land im August 2020 © Sabine Münch

Unter den Folgen, die sich für mich durch den Umzug aufs Land ergeben haben, dürfte Tante S. inzwischen mehr leiden als unter dem Umstand, dass ich seit 16 Monaten in einer strukturschwachen Gegend in einem Dorf lebe, das keine 100 Seelen zählt. Sicherlich wäre ich gut beraten, wenn ich meine Begeisterung darüber, wie man auf dem Land lebt und was man auf dem Land so macht, in meinen Telefonaten mit ihr etwas zügeln würde. Kann ich aber nicht, da mich das Leben auf dem Land begeistert.

Vieles, was hier selbstverständlich ist, stößt Tante S. bitter auf. Dass sich die Nachbarn duzen und dass der Parkplatz vor Penny ein beliebter Treffpunkt zum Klönen und Klatschen ist. Dass ich, seitdem ich auf den Hund gekommen bin, keine Absatzschuhe mehr und vornehmlich Outdoor-Kleidung trage, war schlimm. Noch schlimmer ist aber, dass ich mich so sehr für das Gärtnern begeistere, dass ich mir dafür eigens einen Grünmann angeschafft habe. „Arbeitskleidung? Kind, das steht dir doch nicht!“

meine Bude auf dem Land im August 2021 © Sabine Münch

Wenn ich enthusiasmiert von den Fortschritten spreche, die mein Rasen seit seiner letzten Düngung gemacht hat, oder bestgelaunt erzähle, wie mühselig es ist, Kanadisches Berufkraut oder Brennnesseln auszumerzen, kommt Tante S. überhaupt nicht mehr mit mir mit. Ich bin ihr dann ein großes Rätsel, nicht die Frau, die sie kennt. Nicht ausmalen wiederum kann ich mir ihre Reaktion, wenn sie bei unserem gestrigen Gespräch bemerkt hätte, wie dreckig meine Fingernägel trotz Handschuhe vom Gärtnern waren. Möglicherweise hätte sie ein Stoßgebet gen Himmel und einen Gutschein für den Besuch eines Nagelstudios nach Rosien geschickt. Mutmaßlich hätte sie aber vollends daran gezweifelt, dass ich die bin, deren Patentante sie ist.

Lotta-Filipa hat mich im Griff. Was wiederum nicht bedeutet, dass ich Hundi nicht im Griff hätte. Es ist vielmehr so, dass wir seit acht Jahren zusammenleben und uns derweil recht gut kennen. Wir wissen, wie jeder von uns beiden „tickt“. Lotta-Filipa folgt ihrem Instinkt und ihrem Bauch, ich meiner Logik und meinem Bauchgefühl.

Ihrer gaukelt ihr vor, dass sie ständig Hunger hat, und meiner tut offenbar gar nichts zur Sache, so ich Entscheidungen zu treffen habe. Erst neulich hat mich ein Fachartikel belehrt, dass Menschen keine Intuitionen, sondern Erfahrungen leiten. Das mit dem Bauch hätten wir somit geklärt. Wir irren beide. Hundis ist nicht leer und meiner kein Leitstern.

Schlauer und schneller! © GvP

Offen bleibt die Sache mit Hundis Instinkt und meiner Logik. So viel sei vorausgeschickt: Mit Logik kommt man Instinkt nicht bei! Instinktiv weiß Hundi, wem man aus dem Weg geht und wann man besser klein beigibt. Das gilt übrigens nicht nur für ihre Artgenossen. Ich hingegen? Ich muss erst die schlechte Erfahrung machen, dass mit jemandem nicht gut Kirschen essen ist.

Ball gefunden! © GvP

Logisch nachvollziehbar ist mir beispielsweise auch nicht, warum Lotta-Filipa urplötzlich etwas anbellen oder -kurren muss. Mutmaßlich sieht oder riecht sie etwas, was ich nicht sehen oder riechen und mir somit auch nicht erklären kann. Mit Instinkt kommt man außerdem sehr viel schneller ans Ziel. Während ich Landkarten studiere oder mein Smartphone Routen berechnen lasse, wie wir zum Elbufer kommen, hat sie ihr Instinkt längst ans Wasser geführt. Einen siebten Sinn hat Lotta-Filipa für Bälle. Immer führt sie ihr Instinkt dorthin, wo einer vergessen, verbuddelt oder entsorgt wurde. Egal, ob wir uns im Garten von Freunden oder Bekannten aufhalten, Kurzweil am Elbufer suchen oder im Wald in einer Gegend unterwegs sind, die zu den Sehenswürdigkeiten im Amt Neuhaus zählt. Sogar bei der Stixter Wanderdüne liegen Bälle herum.

Die Düne ist übrigens ein Überbleibsel aus der Eiszeit, weshalb die Gegend 1982 touristisch erschlossen wurde. Mit Infotafeln und einer Aussichtplattform. Da durch die idyllische Elbtalaue inzwischen auch 40 Jahre gezogen sind, wäre hier Hand anzulegen. Sowohl an den Weg hinauf wie an die Aussichtplattform, wo man ob der in vier Jahrzehnten in die Höhe geschossenen Kiefern längst keine Elbe mehr, sondern nur noch Kiefern sieht.

Da der Mai verregnet war, fiel das Gärtnern dem Wasser zum Opfer. Naiv wie ich in der Sache (noch) bin, redete ich mir ein, so der Wonnemonat seinem Namen keine Ehre macht, muss ich im Garten nichts machen. Zu meiner Ehrenrettung sei angemerkt, dass der Garten im Mai seinem Namen ebenfalls keine Ehre gemacht hat. Nach Garten sah das jedenfalls nicht aus, was meine „Bude auf dem Land“ umgeben hat.

Dann kam der Juni. Und mit dem Monat, in dem ich zur Welt gekommen bin, der Wetterumschwung. Schlagartig sah der Garten nach Garten aus und zu dem nach einem, in dem es für mich ziemlich viel zu tun gab. Eine Wiedergeburt! Eher wohl eine Sturzgeburt!!!

ein Blick in meinen Garten © GvP

Anfangs war ich beglückt, dass sich auf dem Feld, dass ich im vergangenen Jahr mit viel Mühe beackert hatte, etwas rührte. Allerdings überstürzten sich alsbald die Ereignisse. Während meine Sträucher, Pflanzen und der Rasen eher langsam in die Gänge kamen, schoss das Unkraut aus dem Boden. Binnen weniger Tage hatte es solches Übergewicht bekommen, dass ich beschloss, die Arbeit am Schreibtisch für einige Tage ruhen zu lassen, um dem Unkraut den Kampf anzusagen. Dass habe ich – nach einschlägigen Erfahrungen im vergangenen Jahr – verinnerlicht: Wehre den Anfängen. Sonst wirst du nie wieder Herr darüber.

Während ich zupfte, rupfte und nachmulchte (nicht mit Rindermulch), schoss der Rasen raus. In solche Höhen, dass ich mich veranlasst sah, mich des Rasens anzunehmen. Leichter gesagt als getan. Denn Mulcher Horst (ein Aufsitzmähwerk) kam mit dem hohen Wuchs nicht klar. All‘ das, was er in fetten Klumpen in drei Mährunden zu jeweils zwei Stunden auf dem Grundstück verteilte, musste mit dem Rechen zusammengekehrt werden. Das kostet Zeit und Kraft. Während ich mähte und kehrte, schoss das Unkraut ins Kraut. Ein Teufelskreis, dem ich kaum mehr Herr werde. Zumal ich wässern muss. Und allein damit täglich gut drei Stunden beschäftigt bin.

Ein Jahr und ein Monat ist der Umzug nach Rosien in die idyllische Elbtalaue heute exakt her. Einerseits hat sich in dieser Zeitspanne viel ereignet. Auf dem Grundstück! Darüber hinaus ist aber leider nichts passiert. Das gesellschaftliche/öffentliche Leben stand coronabedingt auch in der Gemeinde Amt Neuhaus still.

Malus Rudolph © GvP

Der traditionelle Frühjahrsempfang des Bürgermeisters konnte im letzten und in diesem Jahr ebenso wenig stattfinden wie das Treffen mit den neu Hinzugezogenen, das Bürgermeister Andreas Gehrke sich nach seiner Wahl im Herbst 2019 vorgenommen hatte. Der Kulturverein für Bürgerbegegnungen, dem ich seit August 2020 angehöre, sah sich sämtlicher seiner Aktivitäten beschnitten. Der Arbeitskreis „Carl-Peters-Stein“, dem ich aufgrund eines Beitrages auf den Rosiener Notizen verpflichtet wurde, konnte seither lediglich ein Mal tagen. Virtuell, versteht sich. Und das auch nur bei sehr geringer Beteiligung. Ähnlich ist es dem „Leitprojekt Grenzgeschichte(n)“ der Metropolregion Hamburg ergangen, an dem ich dank meiner Mitgliedschaft im Kulturverein teilhaben darf. Wir saßen im vergangenen Jahr im September ein einziges Mal als Gruppe in Ratzeburg zusammen. Unser zweites und bisher letztes Treffen war nur noch virtuell möglich.

der Flieder blüht © GvP

Vieles, was ich mir vorgenommen hatte – mich in der Gemeinde einzubringen, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzuhaben, Kontakte zu knüpfen – hat die Pandemie vereitelt. Das ist traurig. Mit Bauchschmerzen sehe ich den hiesigen Kommunalwahlen entgegen. Wen soll ich für den Rat der Gemeinde bestimmen? Da keine Veranstaltungen oder Informationsabende stattgefunden haben, kenne ich weder die Gesichter, noch weiß ich, wofür jene stehen, die sich dann zur Wahl stellen.

Mich versöhnt das, was dennoch alles möglich geworden ist. Trotz Pandemie, Maskenpflicht und Abstandsregeln durfte ich zugewandte und hilfsbereite Menschen kennenlernen und sogar eine Freundschaft schließen. Mir fehlt es hier an nichts. Im Gegenteil: ich habe mehr bekommen als ich es mir vor dem Umzug erhofft hatte. Ich bin glücklich. Dazu tragen auch 117 Sträucher und Bäume bei, die in den vergangenen zwölf Monaten in meinem Garten gepflanzt wurden. Sie treiben aus und der Rasen wuchert. Obwohl von Frühling bisher kaum die Rede sein kann.

Kapriolen schlägt derzeit das Wetter. Hinlänglich bekannt ist, dass der April macht, was er will. Auf dem flachen Land tut er das mit Wucht. Unterstützt von Orkanböen, die hier so stark sind, dass ich mein zugegebenermaßen leichtes Gewicht kaum dagegenstemmen kann. Geschweige denn von Hundi. Zwar meint Lotta-Filipa besonders stark und kräftig zu sein, tatsächlich bringt sie mit acht Kilogramm aber nur ein Fliegengewicht auf die Waage.

Lotta-Filipa noch entspannt © GvP

Gezwungenermaßen zum Stuben-Hocken verdammt nutze ich die freie Zeit, die neben dem zu schreibenden Buch bleibt, zum Klavierüben. Noten, die im G-Schlüssel stehen, kann ich inzwischen recht gut lesen und immer öfter gelingt es mir, die Finger meiner rechten Hand danach zu bewegen.

Beim F-Schlüssel hapert es mit dem Lesen bisweilen noch. Zwar erkenne ich auf dem Notenblatt, welcher Finger meiner linken Hand welche Taste zu bespielen hat, damit die angegebene Note erklingt. Das funktioniert in der Theorie schon ganz gut, nicht aber immer in der Praxis und erst recht nicht, wenn beide Hände zusammenspielen sollen.

Katzenjammer © GvP

Diese hohe Kunst übe ich seit einigen Tagen stoisch mit dem allseits bekannten Song von Louis Armstrong „When the Saints go marching in“. Dazu heißt es im Lehrbuch, dass die Melodie vollständig mit rechts gespielt wird, die Begleitung mit links. Klingt denkbar einfach, ist es aber nicht. Für mich jedenfalls nicht.

Um mich zu motivieren und auf die Durststrecke mit Louis Armstrong einzustimmen, spiele ich zuvörderst alle jene Stück, die ich bereits recht gut beherrsche. Zu meiner Freude scheint alles wohlgefällig für Lotta-Filipas feine Hundeohren zu klingen, die im Klavierzimmer, dem eigentlichen Gästezimmer, Platz genommen hat. Kaum aber stimme ich die ersten Töne für „When the Saints go marching in“ an wird Hundi unruhig. Sie verhält sich aber zumindest so lange still solange ich die Melodie mit rechts spiele, was inzwischen halbwegs funktioniert. Kaum kommt die linke Hand dazu fängt Hundi an zu bellen. So ich mit dem Üben nicht sofort innehalte, knurrt sie mich an. Gerade so als wolle sie mir sagen: „Hör auf. Das ertrage ich nicht! Von Kapriolen bist du noch weit entfernt.“

Seit einiger Zeit schlage ich neue Töne an. Setze einen Vorsatz um, der mich genau genommen seit Kindertagen begleitet. Nämlich als ein Leihklavier ins Haus gekommen war und wöchentlich eine Lehrerin. Die aber nicht mir, sondern meinem jüngeren Bruder Stunden gab.

Mir hatte meine Mutter ein anderes musisches Fach zugedacht. Ballettunterricht. Geschadet hat mir das nicht. Im Gegenteil. Ich begann schnell Freude an grazilen Bewegungen im rhythmischen Takt zu entwickeln, mich zu Musik zu bewegen. Obschon manche Exercises schmerzhaft gewesen sind und ich anfangs Mühe hatte, in Spitzenschuhen zu tanzen. Später dann – als ich den Ausdruckstanz, Flamenco und Stepptanz entdeckt hatte – kamen gewisse Stärken zum Vorschein, die sogar für kleinere Choreografien gereicht haben.

Verlassen hat mich der Wunsch nie, Klavier spielen zu können. Vielleicht ist auch Eifersucht oder gar Missgunst im Spiel gewesen? Jedenfalls wollte ich das unbedingt ebenfalls haben, was meinem Bruder in unserer Kindheit zuteilgeworden war. Wenn auch nur für eine kurze Zeit, da er weder Lust zum Üben noch Talent hatte.

jeder Anfang ist schwer © GvP

Nachdem mir vor gut 15 Jahren ein ausrangiertes Klavier geschenkt worden war, glaubte ich die erste Hürde genommen zu haben. Der lange gehegte Vorsatz scheiterte allerdings erst an der Erkenntnis, dass mein Vorhaben sehr viel schwieriger war als gedacht. Dann am inneren Schweinehund. Trotzdem zog das Klavier mit mir um. Erst von München nach Berlin, dann von Berlin nach Rosien.

Hundi übt… © GvP

Über die vielen Jahre war es nicht mehr stimmbar geworden. Kurzerhand ließ ich neue Saiten aufziehen. Dann besorgte ich mir Noten- und Klavierschulen, zuletzt ein Metronom. Den Schweinehund habe ich überwunden. Ich trichtere mir das Notenlesen ein und übe vom Blatt zu spielen. Zugegebenermaßen klang das ziemlich schräg. Offenbar vor allem für Lotta-Filipas feine Hundeohren. Immer wenn ich mich ans Klavier gesetzt habe, verzog sie sich möglichst weit vom Instrument entfernt. Bei ganz schlimmen Missklängen jaulte sie sogar auf.

Inzwischen scheine ich Fortschritte gemacht zu haben. Bilde ich mir jedenfalls ein. Denn: wenn ich übe, sucht Hundi neuerdings meine Nähe.

Bislang habe ich, wenn der Frühling erwacht ist, häufig an Frank Wedekind denken müssen. Jedoch nicht an sein bekanntes Drama, sondern an dessen erotische Tagebücher, die Gerhard Hay (1939 – 2014) einst transkribiert und 1986 herausgegeben hat. Ein Werk, das zu jenen gehört, die ich in Ehren halte.

Weniger wegen der darin befindlichen intimen Widmung von Gerhard. Es erinnert mich vielmehr an unsere gemeinsame Zeit, zu der er an dieser Veröffentlichung gearbeitet hat. Verschiedentlich haben wir Wedekinds Handschrift im Archiv gemeinsam entschlüsselt.

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Als sich der Frühling vor drei Tagen ungewöhnlich früh angekündigt hat, sind mir weder Wedekind noch Gerhard in den Sinn gekommen. Ich dachte ans Gärtnern, worin ich mich im vergangenen Jahr erstmals probiert hatte. Mit Blick auf meine recht dilettantischen Versuche als Gärtnerin habe ich mich bange gefragt, welche Freuden mich heuer dabei wohl erwarten würden?

erste Knospen © GvP

Ein Rundgang durch den Garten, den vor einigen Tagen noch Schnee bedeckt hat, verhieß nicht unbedingt Gutes. Begeistern konnte ich mich an dem kargen, nahezu armselig anmutenden Gehölzen nicht, die im letzten Frühjahr angepflanzt worden waren. Der Gedanke, dass die dürren und ausgetrockneten Gerippe wieder austreiben würden, erschien mir abwegig. – Davon abgesehen, dass die Hortensien demnächst zu beschneiden sind.

Mein Rundgang endete beim Blumenhartriegel Cornus kousa „Cappuccino“, dessen prächtige Blüten mich im vergangenen Jahr nahezu fasziniert haben. Nachdem ich erste Knospen an ihm ausgemacht hatte, war mir klar: die Freude am Gärtnern stellt sich alsbald wieder ein. Obschon mich dieses Vergnügen abermals viel Schweiß und Mühe sowie einige bittere Lehren kosten werden.

Schnee? Eine Kindheitserinnerung: Rodeln, Schneeball-Schlachten, Schneemänner gegebenenfalls Schneefrauen bauen. Kalte Finger und Füße. Ihr Kribbeln beim Betreten der warmen Stube. Bestenfalls roch es nach Apfel und Zimt. So ein Bratapfel im Ofen auf mich gewartet hat.

Weit zurückliegende Erinnerungen an schneereiche Winter. Seit langem ist es mir ein Bedürfnis gewesen, mich einmal wieder an einem Schneemann zu versuchen. Verwehrt haben mir das bislang die schneearmen Winter der vergangenen Jahre.

fünf Hunde (v.l.n.r): im Hintergrund Paula und Hilde, im Vordergrund Tretijak, Holly und meine Lotta-Filipa © GvP

Heuer hat es in der Elbtalaue ab Ende Januar ordentlich geschneit. Herrlicher Pulverschnee, der zum Schneemann-Bauen aber leider nicht taugt. Vorgestern lag dann doch noch der dafür benötigte Pappschnee. Zugegeben er war ziemlich schwer und mein Vorhaben entsprechend anstrengend umzusetzen. Womit sich auch erklärt, warum mein Schneemann sehr viel kleiner ausgefallen ist als ich ursprünglich vorgesehen hatte.

mein stattlicher Schneemann mit Karotten-Nase © Sabine Münch

Seine Kopfbedeckung war kein Problem für mich. Hüte und Kappen besitze ich. Die Karotte für die Nase hat Nachbarin Sabine beigesteuert, deren vier Hunde gerne Möhren fressen. Gehapert hat es an den Utensilien für die Augen meines Schneemannes. Da ich weder Kohle noch Steine zu Hand hatte, behalf ich mich – reichlich unkonventionell – mit Kerzenhaltern für einen Adventskranz.

dann kam Holly… © Sabine Münch

Auf mein Werk bin ich mächtig stolz gewesen: Ein Schneemann mit Kulleraugen und einer stattlichen Karottennase! Dann kam Sabines Hündin Holly, machte einen Satz und schon war die Nase vertilgt. Woraufhin ich den einzig richtigen Entschluss gefasst habe: Wenn fünf Hunde gemeinsam auf einem Grundstück leben, können Schneemänner keine Karottennasen haben!

mein Schneemman mit Wäscheklammer-Nase © GvP

Kurzerhand wurde Meinem eine Wäscheklammer als Nase verpasst. Das Nachsehen hatte Lotta-Filipa, die ebenfalls Möhren mag und an die Karottennase meines Schneemannes wollte. Dort mochte es zwar noch etwas nach Karotte riechen. Zum Fressen fand sich zu Hundis offensichtlichem Erstaunen an der Stelle aber nichts mehr!

Lotta-Filipas Missvergnügen © GvP

Lange Freude hatte ich an meinem Schneemann nicht. Tags darauf hat es ordentlich getaut. Inzwischen ist von meinem Werk nur noch ein kleines feuchtes Häufchen übrig. – Aber: der nächste Winter kommt bestimmt. Und so er Pappschnee mit sich bringen sollte, dann stelle ich mich beim Schneemann-Bauen bestimmt schlauer an als im letzten Winter.

Klirrende Kälte hatte das Land hier in den vergangenen Tagen fest im Griff. In der Frühe zeigte das Thermometer -12, bisweilen sogar -14 Grad. So schnell wie Hundi in der Frühe normalerweise raus will, so schnell kam sie wieder rein. „Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür.“

Wunderschön kalt ist es in den vergangenen Tagen in Rosien gewesen. Vornehmlich in jenem Moment, in dem ich noch schlaftrunken aus dem Fenster in meinen Garten schaue. Die Gemengelage aus Raureif und Schnee bietet Traumhaftes. Man reibt sich die Augen.

Die Weide glitzert. Aus den Rispenhortensien sind bizarre Gebilde geworden. Die kargen Äste der Kupfer-Felsenbirne tragen eisige Früchte. Vor dem strahlend blauen Himmel heben sich die entblätterten Äste der Bäume und Sträucher gestochen scharf ab.

Sogar die Wasserhähne im Garten, denen unter anderen Umständen ästhetisch eher wenig abzugewinnen ist, zeigen ein fantastisches Gesicht. Mitsamt Irokesenhaarschnitt!