Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Menschen sind eine gar sonderbare Spezies. Hätte ich mitgewerkelt bei der Evolution, hätte ich ihnen eine Portion Instinkt mitgegeben. Menschen durchdenken die Dinge. Ohne Überlegung oder Erfahrungen das Richtige zu tun, geht ihnen ab. Ein Paradebeispiel dafür, dass man mit krampfhaftem Nachdenken nicht immer weit kommt, ist die Suche nach einem geeigneten Namen für mich. Einem Welpen, der seit vier Tagen in Rosien in den Elbtalauen lebt.

keine Lore oder Lisbeth und schon gar nicht Lise-Felice © GvP

Ich räume ein. Gesine kannte mich nicht. Sie hatte lediglich einige Bilder gesehen, die Sabine in der Smeura geschossen und Matthias Schmidt vom Förderverein Tierhilfe Hoffnung auf meiner 18-stündigen Reise aus Rumänien nach Dettenhausen gemacht hatten. Viel wusste sie auch nicht von mir. Dass ich ein Mädchen bin, das mutmaßlich am 7. Januar 2022 geboren und Anfang März 2022 mutterlos und ohne Geschwister in Pitesti auf der Straße gefunden wurde. Ich rechne ihr an, dass sie sich Mühe gegeben hat. Welch‘ Zinnober um einen Namen!

ich bin Käthe! © GvP

Als Reminiszenz an ihre Hündin Lotta-Filipa und Liese-Lotte, Gesines vor 12 Jahren verstorbene Katze, sollte es ein Doppelname sein, der Erste mit L beginnen und zudem Vintage sein. Literatur-, Kultur- und Religionsgeschichten wurden befragt, Nachschlagewerke gewälzt und sich an literarische Protagonistinnen erinnert, die auf Gesine Eindruck gemacht hatten. Heraus kam nichts, jedenfalls kein klangvoller alter Doppelname, den ein vier Monate junger Welpe hätte tragen können.

Nachdem Gesine ihre Umgebung auf der Namenssuche für die Neue im Haus kirre gemacht und das Endergebnis ihrer profunden Recherchen – Lise-Felice – schlussendlich wieder verworfen hatte, schwang sie sich zu intellektuellen Höchstleistungen auf. Darauf muss man erst einmal kommen, dass auf das L im Alphabet ein M folgt und vor dem L ein K steht. Das gleiche Verfahren wie mit dem L begann… Völlig verkopf! Inzwischen war ich längst in Dettenhausen angekommen und auf dem Weg nach Bissendorf, wo mich Gesine und Sabine am Donnerstag, den 12. Mai gegen 16 Uhr in Empfang nehmen sollten. Zwar hatte sie sich auf der 3 1/2-stündigen Fahrt einschließlich diverser Staus den Kopf zerbrochen, einen Namen für mich hatten sie nicht.

Ich war pünktlich, die Beiden kamen etwas verspätet an. Die Begrüßung war stürmisch. Gestatten, ich bin Käthe! Gesine bewies sogar Bauchgefühl: „Stimmt. Du bist Käthe!“

Sabine, die nebenan wohnt, ist Fotografin. Zu ihren Kunden zählt der Deutsche Tierschutzbund, der sich auch dafür einsetzt, dass streunende Katzen und Hunde in der Ukraine und Rumänien kastriert werden. In beiden Ländern werden mittels Spenden Tierheime unterhalten.

Vorgestern kehrte Sabine von einem Arbeitsaufenthalt aus Rumänien nach Rosien zurück. Sie hat mit einer Delegation, darunter Thomas Schröder, Präsident des Deutschen Tierschutzbundes und Matthias Schmidt vom Förderverein Tierhilfe Hoffnung die Smeura in Pitesti besucht, 120 Kilometer von Bukarest gelegen. Dort werden gerade 6.000 Hunde versorgt. Senioren, Invaliden, Junghunde und sehr viele Welpen. Sie wurden von der Straße gerettet, von der Kettenhaltung befreit oder aus Tötungsstationen geborgen. Derzeit sind dort zudem Hunde und Katzen untergebracht, die aus dem bombadierten Odessa evakuiert werden konnten.

der erste Eindruck © Sabine Münch

Odessa habe ich mit Sabine und einer Delegation des Deutschen Tierschutzbundes 2017 besucht. Damals war ich bereits auf den Hund gekommen. Hatte 2013 in Berlin/Steglitz einen mutmaßlichen Wühltischwelpen aufgenommen, den aufmerksame Passanten am Lietzensee aufgefunden und ins Berliner Tierheim gebracht hatten. Anfangs habe gezaudert: ob ich der großen Aufgabe gewachsen war, einen Hund aufzuziehen? Herangewachsen ist eine hinreißende Lotta-Filipa, für die das Beste gerade gut genug ist. Seit geraumer Zeit trage ich mich mit dem Gedanken, dass es dem „verwöhnten Einzelköter“, der inzwischen neun Jahre ist, womöglich guttäte, wenn ein weiterer Hund ins Haus käme. Ich bat Sabine, sich in der Smeura nach einer potentiellen Mitbewohnerin umzusehen.

so also sieht sie aus © Sabine Münch

Vergangenen Dienstagnachmittag kamen aus dem Welpen-Zwinger der Smeura im Minutentakt Bilder aus Rumänien an. Ein Hund bezaubernder als der andere. Alle hätten ein Körbchen in einem Zuhause verdient. Ich war überfordert; Sabine augenscheinlich auch. Sie verließ den Zwinger und machte von draußen durch das Gitter eine letzte Aufnahme. Viel war von dem kleinen Braunen nicht zu sehen.

Käthe? Manja? Lisbeth? Martha? © Sabine Münch

Ich weiß nicht, was mich berührt und geritten hat. Meine Entscheidung jedenfalls stand fest: der ist es! Tags darauf standen Sabine und die Pflegerinnen vor einer großen Herausforderung. Denn wie findet man im Gewusel von hunderten Welpen einen kleinen Braunen, von dessen Aussehen man sich zudem kein rechtes Bild machen kann? Sabine schickte Aufnahmen von braunen, braungestromerten und braungefleckten Welpen. Mir war klar: er war nicht darunter.

Wie konnte ich mir nur so sicher sein? Denn was hatte ich von dem Kleinen schon gesehen? Ein Pfötchen am Gitter, Schlappohren, ein durchdringender Blick aus braunen Augen. Hatten nicht alle ein Zuhause verdient?

Am Nachmittag rief Sabine an: „Eine Pflegerin hat ihn gefunden. Ein Mädchen. Sie ist bereits beim Tierarzt, wird durchgecheckt und abermals geimpft. So alles gut läuft, könnte sie bereits am 11. Mai ausreisen!“ Ich antwortete kleinlaut: „Wie sieht sie denn aus?“ Es folgten sehr viele Bilder, auch Videos aus der Smeura, die mir in den vergangenen Tagen zu Herzen gingen. Offenbar ein schüchternes Kleinod, das sicherlich besonders viel Geduld und Zuwendung bedarf. Das kriegen Lotta-Filipa und ich hin.

Den Kopf zerbreche ich mir derzeit, welcher Namen zu der Kleinen passen könnte. Käthe, Martha, Melli, Lisbeth, Merle, Leni, Manja, Lora oder Trude? Ich weiß es nicht. Vermutlich entscheidet sich das, wenn sie in Rosien angekommen ist. Mutmaßlich am kommenden Freitag. So alles gut läuft.

Die Gartensaison hat begonnen. Die Dritte. Wohlgemerkt: erst die Dritte in meinem Leben, da bis zu meinem Umzug nach Rosien keine Notwendigkeit bestand, zu gärtnern. Erstens: ich war nicht interessiert. Zweitens: meine Lebensumstände forderten derartige Fertigkeiten nicht ab. Und Letztens: meine Hinwendung zu Botanik, Floristik und Vegetation beschränkte sich darauf, in Gärten und Parks zu lustwandeln oder zu chillen. Und so mich der Hafer tatsächlich einmal stach, wurden Blumenkästen bepflanzt. Sie darbten. In Ermangelung meines Interesses und eines grünen Daumens.

heuer blüht der Flieder noch nicht © GvP

Auf den Kopf gestellt wurde mein Verhältnis zum Gärtnern mit dem Umzug aufs Land im April 2020. Denn das Haus, das ich nun bewohnte, stand auf einem Grundstück, das mir wiederum jäh vor Augen führte, dass gewisse Gartenarbeiten auf mich zukämen. Wie folgenreich diese Erkenntnis sein sollte, daran dachte ich damals nicht. Und das war auch gut so.

Nun also steht die dritte Gartensaison in meinem Leben an. Allerdings sollte man die Erste nicht mitzählen, da sie getrost unter der Rubrik verbucht werden kann: keine Ahnung vom Gärtnern. Meine Versuche, mit dem Grundstück zurechtzukommen, auf dem mein Haus stand, erschöpften sich anfangs in einem erstaunten Zuschauen, wie schnell Unkraut aus dem Boden schoss. Nachdem mir schwante, dass es im Begriff war, mir über den Kopf zu wachsen, platzte der Knoten. Ich zog die Reißleine und begann, dilettantisch zu gärtnern. Was der geneigte Leser/die geneigte Leserin hier nachlesen kann. Besonders peinlich in Erinnerung geblieben ist mein Fauxpas mit dem Rindermulch. Das war der Lacher in meiner ersten Gartensaison schlechthin!

die erste zarte Apfelbaum-Blüte © GvP

Immerhin hatte ich im ersten Jahr verinnerlicht, dass Gärtnern ein Synonym für Gartenarbeit (mit der Betonung auf Arbeit) ist. Infolgedessen ging ich das zweite Jahr gewissen- und ernsthafter an. Ich ließ mich fachmännisch beraten und mir allerlei Werkzeuge andienen, die die Arbeiten vermeintlich leichter machen sollten. Angeschafft und emsig studiert wurden Ratgeber (100 ultimative Tipps für Garten-Grünlinge), Pflanzenbestimmungsbücher (Wie fühlt sich eine Brennnessel an?) und heilsversprechende Trostbücher (Es geht dir besser, wenn du die Quecke sein lässt). Die Theorie half mir nicht wirklich weiter. In der Praxis machte ich jedoch allmählich Fortschritte. Learning by doing eben, was mir das Grundstück zu danken wusste. Und mit dem Gedeihen des Rasens und der Pflanzen entwickelte sich auch meine Freude beim Gärtnern. Inzwischen würde ich mich sogar zu den leidenschaftlichen Gärtnerinnen zählen. Mit der Betonung auf Leiden. Leider.

Mental bin ich für die dritte Saison gerüstet. Gärtnern ist ein Synonym für Gartenarbeit. Und die scheue ich nicht. Momentan freilich muss ich wegen eines Tennisarmes rechts pausieren. Ich habe die Hände nicht von der Quecke lassen können…

Vor zwei Jahren – am 16. April 2020 – fuhr der Umzugswagen in Berlin/Steglitz vor, um aus dem Obergeschoss meine sieben Sachen in den Wagen zu laden. Zählt man die Socken, diversen Kleinkram, die Bücher und das Spielzeug hinzu, das seit 2013 für Hundi angeschafft worden war, waren es mutmaßlich 7.777 Sachen, die ich in den Tagen zuvor in unzählige Umzugskisten verstaut hatte. Schwerstarbeit, die getragen war von der Vorfreude, die Zelte während des ersten coronabedingten Lockdowns in der Millionenstadt abzubrechen. Aufs Land, idyllisch gelegen im Biosphärenreservat Elbtalauen, in einen nach meinem Geschmack und Vorlieben erbauten Bungalow zu ziehen, den noch dazu ein Grundstück umgab, das weit ist. Viel zu groß, wie ich inzwischen weiß, um es in Gänze zu kultivieren oder gar gärtnerisch gestalten zu können.

das Grundstück im April 2020 © GvP

Vom 16. auf den 17. April verbrachte ich eine letzte Nacht in Neuhaus im Hotel Hannover, wo ich während der Bauphase gerne genächtigt und lecker gegessen hatte. Mich zunehmend wohler fühlte, zunehmend willkommener geheißen wurde. Erste, sich dann verfestigende Schritte, um auf dem Land Tritt zu fassen, Kontakte zu knüpfen, womöglich Gleichgesinnte, sogar Freunde zu finden. Kurzum, um in einer neuen Heimat Fuß zu fassen.

Die erste Nacht im eigenen Haus. Ich fremdelte keinen Augenblick. Lediglich am Morgen ein kurzes irritierendes Moment: als mein Blick beim Duschen durch das Badfenster auf Schafe fiel, die auf der gegenüberliegenden Wiese grasten. Trotz Chaos, das im Bungalow und erst recht drumherum herrschte. Ich war tatsächlich auf dem Land angekommen.

das Grundstück im April 2022 © GvP

Unvorstellbar war mir am 17. April 2020 allerdings noch, dass ich die Unordnung und das Durcheinander würde richten können. Dass es mir jemals gelingen könnte, ein Grundstück zu kultivieren, an das seit Jahrzehnten keine Hand angelegt worden war. Im Rückblick bin ich dankbar und demütig. Das Chaos im Haus ist lange beseitigt. Die grüne Wohlfühl-Oase, die ich schaffen wollte, lässt sich in – sogar parkähnlichen – Strukturen sehen.

Corona geschuldet mangelt es noch an Kontakten zu den Einheimischen. Das wird sich aber auch geben, zumal ich seit März 2022 gemeinsam mit Ina Kuhrs in der Gemeindebücherei tätig bin. Und die Einweihungsfeier mit den Hiesigen, die Sabine und ich ursprünglich für 2020 vorgesehen hatten, die dürfte absehbar endlich realisierbar sein.

Frohe Ostern!

Woran könnte es liegen, dass Zusteller mit der Postleitzahl 19273 bisweilen nicht klarkommen? Dass an mich adressierte Post sogar umetikettiert wurde, weil sich der zuständige Bearbeiter von DHL mit der 19273 offenbar komplett überfordert fühlte?

Mutmaßlich hängen die Schwierigkeiten, die ortsunkundige Fahrer mit der Postleitzahl haben, mit der jüngeren Geschichte von Amt Neuhaus zusammen, die recht speziell ist. Denn kein anderes Gebiet auf deutschem Boden hat nach 1945 seine Zugehörigkeit so häufig gewechselt wie das Amt Neuhaus, das traditionell mit dem Kurfürstentum/Königreich Hannover verbunden ist.

Nach Ende des Zweiten Weltkrieges haben die Amerikaner das Gebiet besetzt. Da die Londoner Protokolle und die Beschlüsse der Konferenz von Jalta vorsahen, den Landstrich rechts der Elbe in die britische Zone einzugliedern, wechselte die Besatzungsmacht Anfang Juni 1945. Die Amerikaner zogen ab. Da Brücken fehlten beziehungsweise im Krieg zerstört worden waren, sahen sich die Engländer nicht imstande, die rechts der Elbe lebende Bevölkerung zu versorgen. Sie traten das Gebiet an die sowjetische Militäradministration ab. Die russischen Soldaten kamen am 1. Juli 1945 ins Amt. Nun sollte es zur sowjetisch besetzten Zone Deutschlands (SBZ) gehören. Nach Gründung der DDR im Oktober 1949 wurde es dem Kreis Hagenow in Mecklenburg zugeordnet. Das blieb immerhin 44 Jahre so.

Von hier aus gehts nach Schwerin © GvP

Nach der Wende in der DDR und der offiziellen Grenzöffnung – erstmals überquerte eine Fähre die Elbe am 19. November 1989 – wurde in der Gemeinde alsbald der Wunsch laut, wieder zu Hannover zu gehören. „Lassen Sie uns“, so der damals amtierende Bürgermeister, Klaus Rintelen (geb. 1929), im Frühjahr 1991 zum niedersächsischen Innenminister von Niedersachsen „zurück in das Land unserer Väter“. Schon möglich, führte er noch aus, dass die Neu-Westler am Ende schlechter dastünden, als wenn sie mecklenburgisch geblieben wären. Doch wichtiger als materielle Erwägungen sei „dieses tiefe Heimatgefühl“.[1]

Die Verhandlungen zwischen den Landesregierungen in Hannover und Schwerin einerseits und der Bundesregierung andererseits zogen sich drei Jahre hin. Zunächst wurden die acht, ursprünglich selbstständigen Gemeinden Sückau, Dellien, Neuhaus, Sumte, Kaarßen, Haar, Stapel und Tripkau zur Verwaltungseinheit Amt Neuhaus zusammengeschlossen. Dann trat der Staatsvertrag zur Umgliederung nach Niedersachsen am 30. Juni 1993 in Kraft.

Mit dem Erfolg war man auch in eine Art Zwickmühle geraten. Zwar gehörte man nun zu Niedersachsen, orientiert sich aber bis heute eher in Richtung Mecklenburg. Da die 1993 versprochene Brücke noch immer nicht über die Elbe führt, werden Einkäufe oder Untersuchungen, die nicht im Amt erledigt werden können, in Mecklenburg getätigt. Wer ins Kino oder ins Theater gehen will, fährt nach Boizenburg oder Schwerin. Mehrheitlich gelesen im Amt wird die „Schweriner Volkszeitung“ und nicht etwa die „Landeszeitung“ aus Lüneburg.

Dass Mecklenburg ein Alter Ego der Gemeinde geblieben ist, spiegelt auch das Post- und Fernmeldewesen in aller Deutlichkeit wider. Statt einer Vorwahl, die mit 21 beginnt, lautet die unsrige 038841, was auf eine Zugehörigkeit zu Mecklenburg verweist. Das Gleiche gilt für unsere Postleitzahl 19273, die eben nicht nach Niedersachsen führt. Kurios ist zudem, dass lediglich jene Briefe und Pakete, die bei Elektro-Tewes aufgegeben werden, wo die Deutsche Post eine Zweigstelle unterhält, den Poststempel „Neuhaus-Elbe“ erhalten. Alles was in den Briefkästen im Amt landet, wird nach Schwerin transportiert und dort gestempelt.

den gibts nur bei Elektro-Tewes © GvP

Tatsächlich gibt es eine Erklärung für das Durcheinander. Denn bereits wenige Monate nach dem Fall der Mauer war offensichtlich geworden, dass die Notwendigkeit bestand, das Postleitzahl-System zu vereinheitlichen. Der Brief- und Paketverkehr zwischen den beiden deutschen Staaten hatte durch Massendrucksachen von Versandhäusern in die DDR stark zugenommen. Hinzu gesellte sich ein reger deutsch-deutscher Briefwechsel in Wirtschaft und Verwaltung, da auf das in Ostdeutschland existierende Telefonnetz noch kein Verlass war. Im Juni 1990 bildeten die Deutsche Bundespost und die Deutsche Post der DDR deshalb eine Projektorganisation, die das Ziel verfolgte, die postalischen Verhältnisse in Deutschland zu vereinheitlichen. Da in beiden deutschen Staaten bereits ein vierstelliges Postleitzahlsystem existierte, lag die Lösung auf der Hand: ein fünfstelliges numerisches Modell, das zum Stichtag 1. Juli 1993 flächendeckend Geltung haben sollte. Nicht auf dem Schirm konnten die Verantwortlichen zu diesem Zeitpunkt haben, dass das Amt Neuhaus tags zuvor von der Postregion 19 (Schwerin, Ludwigslust, Wittenberge, Parchim) im Zuge einer Rückgliederung in die Postregion 21 (Lüneburg, Buxtehude, Stade, Reinbek und Teile Hamburgs) gewechselt hatte.


[1] Zitiert nach: Urzustand mit Herz, in: Der Spiegel vom 19. Mai 1991; abrufbar unter: https://www.spiegel.de/politik/urzustand-mit-herz-a-599d30d4-0002-0001-0000-000013489073

19273? Der geneigte Leser mag sich fragen: ein numerisches Orakel? Ein Zahlencode mit dem sich ein Safe oder ein Schließfach knacken lässt? Eine Kombination, die die Büchse der Pandora mit innenliegenden Übeln öffnet? Oder schlichtweg die Quersumme von 22?

Gefragt ist weder noch, sondern das, was im Deutschen Reich 1941 zunächst als zweistellige Ziffer eingeführt wurde, dann vom Postminister der Bundesrepublik, Richard Stücklen (1916 – 2002), auf vier Ziffern erhöht und nach der deutsch-deutschen Vereinigung ab März 1993 sukzessiv auf fünf Stellen umgestellt wurde. Gemeint ist die Postleitzahl 19273, die für das gesamte Amt Neuhaus gilt und für eine reibungslose Zustellung in den zugehörigen Dörfern und Weihern Geltung haben sollte. Theoretisch!

unser offizieller Poststempel © GvP

In der Praxis freilich hapert es. An mich adressierte Post ging in den ersten Wochen nach meinem Einzug ausnahmslos an die jeweiligen Absender zurück. Für das Ärgernis hatte ich folgende Erklärungen. Da das Grundstück, auf dem ich 2019/20 mein Haus hatte bauen lassen, 30 Jahre lang brach gelegen hatte tauchte es in den Navigationssystemen schlichtweg nicht auf. Und eine Hauptstraße, an der ich seit April 2020 in Rosien wohne, existiert in anderen Dörfern, die im Amt liegen, auch.

Mit der Zeit spielte sich die Zustellung an meine neue Adresse tatsächlich ein. GLS und DHL hatten es noch einigen Wochen raus, dass eine Gesine von Prittwitz neurdings in Rosien wohnhaft ist. Hermes brauchte ein wenig länger. Allerdings gilt auch hier, was gemeinhin gilt. Ausnahmen bestätigen die Regel. Nicht immer kommt alles bei mir an und manches braucht sehr viel länger.

Ein besonders dreistes Stück leistete sich erst kürzlich ein offenbar mit der 19273 komplett überforderter DHL-Mitarbeiter. Er etikettierte ein an mich korrekt adressiertes Bücher-Paket des in Berlin ansässigen Bibliographischen Instituts kurzerhand um. Statt an die Hauptstraße in Rosien ließ er es an die Hauptstraße 15 in Niendorf (einem dem Amt ebenfalls zugehörigen Ort) gehen. Im Verlag war man wenig verwundert als das Paket Tage später mit dem Vermerk „Name nicht gefunden“ zurückkam. Man legte Beschwerde ein und brachte es abermals auf den Weg nach Rosien. Dieses Mal kam es sogar postwendend bei mir an!

Am Donnerstagmorgen war ich ob der Entwicklungen fassungslos. Am Sonntagmorgen machte mir die Regierungserklärung des Bundeskanzlers bewusst, dass ich fortan in einem anderen Deutschland leben werde.

So sehr ich die Entscheidungen auch nachvollziehen kann; Wladimir Putins Angriff auf die Ukraine ließ keine andere Wahl. So bestürzt bin ich. Ich war glücklich und stolz, in einem Land zu leben, das sich für Abrüstung, Ausgleich, Entspannung und Völkerfreundschaft eingesetzt hat. Mir persönlich ist nicht vorstellbar von diesen Leitlinien abzulassen. Mich mit einem Deutschland zu identifizieren, das über Nacht davon Abstand nahm, fällt mir schwer.

Mein Großvater väterlicherseits, Bernhard von Prittwitz, ist im April 1944 im Alter von 48 Jahren am Fluss Dnjestr auf dem Gebiet des heutigen Moldawiens gefallen. Als das Kriegsende absehbar war. Keine sechs Monate später sollte die sowjetische Armee von der Weichsel weit nach Westen an Oder und Neiße vorstoßen.

Das U-Boot des ältesten Bruders meines Vaters, der seit 1941 als Leutnant zur See eingesetzt war, galt seit April 1943 in der Karasee als vermisst. Das Schicksal des damals 21-jährigen Wilhelm und der 47-köpfigen Besatzung konnte erst nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion geklärt werden. Das sowjetische U-Boot S-101 hatte U 639 am 28. August 1943 mit drei Tornados versenkt. Es gab keine Überlebenden.

Mein Vater Krafft-Erdmann wurde im Januar 1945 zur Wehrmacht eingezogen. Er war 16 Jahre alt und sollte gemeinsam mit anderen Kindersoldaten den Rügen-Damm sprengen. Er wurde auf Rügen von den Russen gefangen genommen. Von dort ging es in einer Strafkolonne zu Fuß durch Polen, Brandenburg, Westpreußen über Gaudenz in Polen bis nach Thorn an der Weichsel. Ein Gewaltmarsch von über 600 Kilometern, bei dem die Kriegsgefangenen in abgerissenen Uniformen, vielfach sogar ohne Schuhwerk, täglich mehr als 40 Kilometer zurücklegen mussten. In Thorn meinte es das Schicksal gut mit ihm: „Du noch Kind. Du nach Hause.“ Er schlug sich nach Melkof in Mecklenburg durch, wo ihn meine Großmutter Helene, die in zweiter Ehe Franz Hubertus Graf von Kanitz zum Ehemann genommen hatte, im Winter 1945/46 wieder in die Arme schließen konnte.

Wie die meisten hat mein Vater über die Traumata nie gesprochen. Von meiner Mutter weiß ich, dass er bis hinein in die 1960er Jahre unter Alpträumen gelitten hat. Er schrie und durchnässte das Bettlaken.

Folgt man heutigen Schätzungen hat der Zweite Weltkrieg mindestens 55 Millionen Menschen das Leben gekostet. Von dem unermesslichen Leid, das er über die Menschen gebracht hat, erst nicht zu reden. Für mich sind die Schicksale, die dieser Krieg in den beteiligten und involvierten Ländern verursacht hat, und die Verbrechen, die unter den Nationalsozialisten zwischen 1933 – 1945 verübt wurden, ein Vermächtnis. Eine Bringschuld sich für Abrüstung, Ausgleich, Entspannung, Völkerfreundschaft und -verständigung stark zu machen.

Das darf, bitte sehr, auch in dieser bedrohlichen Zeit nicht ins Abseits geraten!

Ehre hat der Winter seinem Namen bisher nicht gemacht. Abermals keine weiße Pracht wie ich sie aus meinen Kindertagen vage in Erinnerung habe. Statt schnee- ist die Jahreszeit regenreich gewesen. Allein im aktuellen Kalendermonat sind in den ersten zehn Tagen solche Mengen gefallen wie in anderen Jahren im gesamten Februar. Die Wiesen und Bäume entlang der Rögnitz stehen unter Wasser. Wäre es kälter könnten die Kinder wie im vergangenen Jahr auf den Wiesen Schlittschuh laufen. Sonne war rar. Die wenigen hellen Stunden tagsüber zeigten sich in einem öden Grau. Entsprechend selten ließ das in der kalten Jahreszeit vom Mais befreite Hinterland seine karge Schönheit sehen. Und Väterchen Frost? Der gab sich heuer ebenfalls keine Ehre. Dafür aber der Wind mit heftigen Sturmböen und Stärken bis zu 100 km/h.

unter Wasser © GvP

Dieser Winter – mein zweiter in Rosien – war nass, grau und trist. Aufs Gemüt schlug zudem die Pandemie. Die Hoffnung, die an der Jahreswende 2020/21 gekeimt hatte, das Virus dank Vakzine in den Griff zu bekommen, erwies sich als Illusion. Trotz dritter Impfung keine Normalität. Die neue Heimat, die ich im April 2020 bezogen habe, kenne ich nur unter Bedingungen von Covid-19. Seitdem ich auf dem Land lebe, bin ich angehalten, Maske zu tragen, Abstand zu wahren und möglichst keine Kontakte zu pflegen. Denkbar schlechte Voraussetzungen, um in einer neuen Heimat Fuß zu fassen.

Hinterland © GvP

Und dann – vor einigen Tagen – Lichtblicke. Auf dem Grundstück strecken erste Krokusse ihre Köpfchen aus dem Erdreich. Es riecht nach Frühling, nach Aufbruch. Die Singschwäne, die hier überwintern, kehren in ihre Heimatländer Finnland, Russland, Polen, Dänemark, Schweden und das Baltikum zurück, die Kraniche kommen aus ihren Winterquartieren wieder ins Amt Neuhaus. Sogar ein erster Storch hat sein angestammtes Nest in Herrenhof bereits besetzt.

Ein Neustart? Rechte Zeit jedenfalls, um Pläne für die kommenden Monate zu schmieden. Für Begegnungen ohne weitgehende Einschränkungen. Oder unsere Einweihungsfeier, die Sabine und ich nach dem Umzug ursprünglich für August 2020 vorgesehen hatten. Derzeit sehen wir sie für August 2022 vor. Und freuen uns darauf, endlich enger mit den Hiesigen in Kontakt treten zu dürfen. Möglichst ohne Maske, die jegliche Mimik, jeglichen Ausdruck verbirgt.

Seit einigen Tagen lässt mich ein Wort nicht mehr los: Hinterland. Positiv konnotiert! Gemeint ist das Land hinter meinem Grundstück in Rosien. Eine weite Fläche so der Mais, der gemeinhin den Blick verstellt, geerntet ist.

Mais geerntet © GvP

Eine Oase direkt hinter meinem Haus. Auch für Vögel, die ihr Winterquartier dort bezogen haben. Ein wasserreiches Land, wenn die Rögnitz anschwillt. Das Schilf entlang des Flüsschens bewegt der Wind, der hier zumeist stark bläst. Bisweilen ist kaum gegen ihn anzukommen. Er peitscht so ins Gesicht, dass die Haut schmerzt. Die Augen tränen, die Finger sind klamm. Habe ich ihn aber im Rücken braucht es kein Gewicht mehr, um sich den Böen entgegenzustemmen. Sie treiben mich, quasi federleicht geworden, vor sich her.

Weite © GvP

Glücksgefühle im Hinterland. Bisweilen lassen sich Rehe blicken, die in kleineren Gruppen über die Felder huschen, wo in der kalten Jahreszeit kein Mais steht. So sie nicht am Boden dösen oder picken, ziehen Singschwäne und Graugänse mit betörenden Stimmen in Scharen über mich her. Vor einigen Tagen durfte ich dem Liebesspiel eines Schwanenpaares beiwohnen. Sie turtelten, schnäbelten und umärmelten sich knapp über dem Boden schwebend. Welche Grazie! Geradeso wie das Ballett mit der Schwanenprinzessin, das höchste Ansprüche an die Tänzer stellt.

Bisweilen ziehen Greifvögel mit weit gespreizten Schwingen majestätisch ihre Kreise. Haben sie Kadaver im Visier? Dass ich gelegentlich auf die Überreste verendeter Tiere stoße, auf die mich der begleitende Hund aufmerksam gemacht hat, schmälert meine Glücksgefühle nicht. Ich fühle mich frei. Wie schön ist das Land hinter meinem Grundstück in Rosien. Vorausgesetzt: es wächst kein Mais dort!

Im Winter zeigt sich die hiesige Landschaft für mein Dafürhalten von ihrer besten Seite. Zwar nicht ihre Sonnenseite, denn die scheint in der kalten Jahreszeit in den Elbtalauen so gut wie nie.

bizarr © GvP

Wenn die Bäume und Sträucher entlaubt sind, auf den Feldern und Wiesen nichts mehr wächst, offenbart sich eine Kargheit, die üppig ist. Nichts verstellt den Blick in die Weite. Wüsste man es nicht besser, scheint die Natur hier noch unberührt. Die Zivilisation fern.

Keine menschliche Begegnung entlang der Elbe. Eine Stille, die sich fremd anfühlt. Unterbrochen vom Flügelschlag und Schreien. Spitzes Wehklagen und kicherndes Frohlocken. Jetzt sind die Vögel, die hier überwintern, unter sich. Keiner da, der nach den selten gewordenen Tieren, die noch in den Elbtalauen leben, neugierig Ausschau hält.

magisch © GvP

Die Zeit steht still. Ich wähne mich in einer anderen Welt, einer längst untergegangenen. Lediglich der mich begleitende Hund erinnert daran, dass ich mich im Hier und Jetzt befinde. Sein Buddeln und Schnuppern ermahnt mich, dass die von den Winden und Gezeiten Gebeutelten eben keine skurrilen Gestalten, sondern Bäume und Sträucher sind. Zeitzeugen einer ebenso rauen wie wechselhaften Geschichte des Landstriches, in dem ich seit 20 Monaten lebe.

gespiegelt © GvP

Uralte Eichen, die meterhoch im Wasser stehen. Silber-, Korb- und Kopfweiden in bizarren Formen mögen Furcht einflößen. Einstmals waren sie verflucht; galten als Überträger von Gicht, Fieber und Zahnschmerzen. Geschichten über Hexen und Selbstmörder ranken sich um die knorrigen Weiden.

Schauergeschichten, denen nachzugehen wäre. Wie auch dem, was über die Elbe verbreitet ist. Im Unterschied zum vielbesungenen Rhein scheint es über den Grenzfluss noch so manches zu erzählen zu geben.

Ein entrückter, verwunschener Ort. Vornehmlich im Winter: ein Sehnsuchtsort der Ruhe und Einkehr. Wenn keine Radler und Touristen an der Elbe unterwegs sind, die mit ihrem Lachen und Plappern Weißstörche, Kraniche, Graugänse, Schwäne und Reiher aufschrecken.