Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Im Winter zeigt sich die hiesige Landschaft für mein Dafürhalten von ihrer besten Seite. Zwar nicht ihre Sonnenseite, denn die scheint in der kalten Jahreszeit in den Elbtalauen so gut wie nie.

bizarr © GvP

Wenn die Bäume und Sträucher entlaubt sind, auf den Feldern und Wiesen nichts mehr wächst, offenbart sich eine Kargheit, die üppig ist. Nichts verstellt den Blick in die Weite. Wüsste man es nicht besser, scheint die Natur hier noch unberührt. Die Zivilisation fern.

Keine menschliche Begegnung entlang der Elbe. Eine Stille, die sich fremd anfühlt. Unterbrochen vom Flügelschlag und Schreien. Spitzes Wehklagen und kicherndes Frohlocken. Jetzt sind die Vögel, die hier überwintern, unter sich. Keiner da, der nach den selten gewordenen Tieren, die noch in den Elbtalauen leben, neugierig Ausschau hält.

magisch © GvP

Die Zeit steht still. Ich wähne mich in einer anderen Welt, einer längst untergegangenen. Lediglich der mich begleitende Hund erinnert daran, dass ich mich im Hier und Jetzt befinde. Sein Buddeln und Schnuppern ermahnt mich, dass die von den Winden und Gezeiten Gebeutelten eben keine skurrilen Gestalten, sondern Bäume und Sträucher sind. Zeitzeugen einer ebenso rauen wie wechselhaften Geschichte des Landstriches, in dem ich seit 20 Monaten lebe.

gespiegelt © GvP

Uralte Eichen, die meterhoch im Wasser stehen. Silber-, Korb- und Kopfweiden in bizarren Formen mögen Furcht einflößen. Einstmals waren sie verflucht; galten als Überträger von Gicht, Fieber und Zahnschmerzen. Geschichten über Hexen und Selbstmörder ranken sich um die knorrigen Weiden.

Schauergeschichten, denen nachzugehen wäre. Wie auch dem, was über die Elbe verbreitet ist. Im Unterschied zum vielbesungenen Rhein scheint es über den Grenzfluss noch so manches zu erzählen zu geben.

Ein entrückter, verwunschener Ort. Vornehmlich im Winter: ein Sehnsuchtsort der Ruhe und Einkehr. Wenn keine Radler und Touristen an der Elbe unterwegs sind, die mit ihrem Lachen und Plappern Weißstörche, Kraniche, Graugänse, Schwäne und Reiher aufschrecken.

Eine weit verbreitete Unwahrheit über das Leben auf dem Land lautet, dass man dort entschleunigt. Meine Erfahrung ist eine andere: wer auf dem Land lebt, muss sein Tempo beschleunigen. Gemächlich gehen es hier allenfalls die Kühe und Schafe auf den Weiden an. So sie nicht schlafen oder träge dösen grasen sie genüsslich. In aller Ruhe. Selbst bei ihren hilflosen Versuchen, Bremsen, Stechmücken und Fliegen zu vertreiben, werden sie nicht hektisch. Ihre Schwänze wippen rhythmisch.

Auszeit an der Rögnitz © GvP

Wer entschleunigen will, sollte ein Wellnessprogramm bei Kerzenlicht und spiritueller Musik buchen. Keinesfalls aufs Land ziehen, wo Zeit ein noch kostbareres Gut ist als in der Stadt. Zudem sind die Wege länger, was ebenfalls viel Zeit frisst. Fußläufig erreicht man hier allenfalls den Nachbarn.

Gerne vergessen wird, dass man auf dem Land sehr viel mehr zu tun hat als in der Stadt. Für eine Hauptstädterin wie mich hat sich viel verändert. Das fängt mit so banalen Dingen an, dass man beispielsweise nicht nur angehalten ist, die Termine der Restmüllentsorgung im Kopf zu haben. Man muss die 40-Liter- beziehungsweise 60-Liter- oder gar 120-Liter-Mülltonen vor deren Leerung auch pünktlich auf den Bürgersteig gewuchtet haben. Schneeschippen (gesetztenfalls es fiel welcher) muss man hier selbst. Den Bürgersteig vor dem eigenen Grundstück sauber halten und die dortige Grasfläche mähen. All‘ das, was in der Stadt kommunale Einrichtungen für einen Bürger oder Hausverwaltungen für ihre Bewohner übernehmen, ist eines Dörflers erste Pflicht.

Auszeit an der Elbe © GvP

Einen Bruder, der einst in der Stadt für mich auf die Leiter stieg, um eine defekte Glühbirne auszuwechseln, habe ich hier nicht. Auch keinen Hausmeister, der den Stromzähler abliest und keine Putzkolonne, die das Treppenhaus wischt. Hier ist man auf sich selbst gestellt. Und: Haus und Hof fordern immens heraus. Und die Freude am Gärtnern? Die gereicht mir auch nicht immer zur Freude.

Auf dem Land entschleunigt man nicht, man legt einen Gang zu. Der Aufwand freilich, den man treiben muss, um den Alltag zu bewältigen und Haus, Hof und Grundstück instandzuhalten, lohnt sich. Es geht hier zwar nicht gemächlicher, bisweilen aber gelassener zu. Und die Auszeiten, die ich mir an Elbe oder Rögnitz gönne, entschädigen die Herausforderungen allemal.

Zu den fixen Ideen der Städter, die von einem Leben auf dem Land träumen, gehört die Vorstellung, dass es auf dem Land ruhig ist. Vielleicht fällt der Blick des lärmbelästigten Städters just in diesem Sehnsuchtsmoment auf eine weit verbreitete Hochglanzzeitschrift, die die Vorzüge eines Lebens in abgeschiedener Natur in Szene setzt. Eine Kuh grast auf sattgrüner Weide; im Hintergrund ein verschlafenes Dorf.

Ausgeblendet wird, dass es auf dem Land genauso geschäftig zugeht wie in der Stadt. Dort wo ich seit gut eineinhalb Jahren lebe, wird intensiv Landwirtschaft betrieben und im großen Stil Mais für die hier existierende Biogasanlage angebaut. Und das längst nicht mehr – wie es sich ein Städter womöglich verklärt – unter Zuhilfenahme von Sensen und Pferdefuhrwerken.

Stille ist auf dem Land nie still © GvP

Auf dem Land ist es laut! Wenn die Felder bestellt werden und der Mais für die Biogasanlage mit ihren fünf Blockheizkraftwerken eingebracht wird, sehnt man sich nach den Dezibel in der Stadt. In Kolonnen sind dann ununterbrochen riesige Landmaschinen, Häcksler und Traktoren unterwegs. Ohrenbetäubend ist der Lärm, wenn sie im Minutentakt an meinem Haus vorbeiziehen. Auch des Nachts. Denn: einen Feierabend wie die Städter kennen Landwirte nicht.

Und so wer meinen sollte, dass an den Wochenenden wie in der Stadt auch auf dem Land weitgehend Ruhe herrscht, der irrt. Dann werden der eigene Hof, die Gärten und Beete in Stand gesetzt. Kreissägen schreien, Aufsitzrasenmäher und Traktoren wummern. Ein Übriges zur Ruhestörung tun in der Elbtalaue die Motorräder, die an den Wochenenden in Scharen einfallen, um ihr Fahrvergnügen in unseren engen und kurvenreichen Straßen zu finden.

Zur Ruhe kommt das Land nie. Selbst dann nicht, wenn sich die Menschen erschöpft vom harten Tagwerk betten. Ruhen deren Hände und Maschinen still, dann lassen sich die Tiere hören. Nicht nur die Nachtaktiven. Stille ist auf dem Land nie still.

die Herde im Sommer © GvP

Schon gar nicht in der stillen Jahreszeit. Die ruffreudigen Schreigänse, die in der Elbtalaue in Scharen überwintern, plappern ohne Unterlass in einem weichen Moll. Markerschütternd ist am Ende jeden Jahres das Wehklagen der Herde, deren Treiben auf der Weide von meinem Schreibtisch gut zu beobachten ist. Das Wachsen der Kälber, die Anfang des Jahres geworfen wurden. Wie sie tollen, hüpfen, sich balgen. Anfangs noch fürsorglich von den Alt-Bullen und -Kühen beäugt, dann zunehmend selbstsicherer. Im Spätherbst lassen sich kaum noch Unterschiede zwischen Alt und Jung ausmachen. Allenfalls bringen die Kinder einige Kilos weniger auf die Waage als die Eltern.

Fast ein Jahr lang hat mich die Herde begleitet; die Kleinen belustigt. Bis das schmerzerfüllte Wehklagen der Alten die Tage und Nächte ab Mitte Dezember füllt. Ihr Verlust ist groß. Die Herde wurde dezimiert. Die Jungen dem Schlachter zugeführt. Nach Tagen ebbt ihr Schreien ab. In der Ferne kläfft ein Hund. Der Nachbar mäht Rasen, gegenüber hackt wer Holz.

Bislang habe ich der Zubereitung von Mahlzeiten kein Vergnügen abgewinnen können. Meine Kochkunst – ein Euphemismus – beschränkte sich auf das Erhitzen von Wasser, um Nudeln al dente und wachsweiche Sechs-Minuten-Frühstückseier zu kochen. Mein kulinarisches Highlight gipfelte in einer Bolognese, die ich unter Zuhilfenahme einer Fertigtomatensauce mit einem scharfen Namen anrührte.

So es mir gelegentlich nach anderem gelüstete als nach Nudeln mit Bolognese oder wahlweise mit grünem und rotem Pesto, das ich gelegentlich mit in Öl und Knoblauch eingelegten Garnelen verfeinerte, griff ich zu vorgefertigten Lebensmitteln, die dank boomendem Convenience Food reichhaltig zur Auswahl stehen. Für mich jedenfalls so lange, wie ich in Großstädten gelebt habe.

Was kommt auf den Tisch? © GvP

Dann zog ich aufs Land. Die Besorgnis, ich müsste auf meine Grundnahrungsmittel verzichten, erwies sich als unbegründet. Sowohl der rote Discounter wie der Edeka, der in Neuhaus als Reminiszenz an eine längst untergegangene real existierende DDR den Namen „Konsum“ trägt, führen die Fertigsauce mit den scharfen Namen. Nudeln und Pesto gehören ebenfalls in ihr Sortiment, wenn auch nicht jene Sorten, die ich besonders mag.

Für die Grundversorgung war somit gesorgt. Die Variationen, die Abwechslung in mein Ernährungsallerlei bringen sollten, ließen allerdings zu wünschen übrig. Lachs-Fischstäbchen mit Pommes à la Chef, eine in Berlin von mir favorisierte Nudel-Alternative, fielen ebenso flach wie Pizza. Der rote Discounter führt die Marke nicht, die mein Gaumen für fluffig-knusprig hält, und der Konsum hält die Marke zwar vorrätig, aber davon allerdings nur solche Sorten, die ich nicht mag.

Zurückgeworfen auf mein Grundnahrungsmittel Nudeln mit Pesto oder Bolognese, schwante mir, dass der Umzug aufs Land doch eine Konsequenz mit sich brachte. Dass ich gut beraten wäre, meine Haltung zum Kochen zu verändern. Der Gedanke war gut. Freilich haperte es an der Umsetzung, da ich keinerlei Lust verspürte, mich näher auf das Thema einzulassen. Auf den Tisch kam weiterhin das, was ich aus dem EffEff kann: Nudeln mit Pesto oder Bolognese.

Eines Tages hatte ich das Einerlei satt. Woraufhin ich begann, mich mit der Zubereitung von Bolognese zu beschäftigen. „Prittwitz“, sagte ich zu mir. (Wenn ich mich am Riemen reißen soll, nenne ich mich bei meinem Nachnamen). „Prittwitz! Wenn das Hack anbrät, stehts du nichtsnutzig am Herd herum. Neben dem bisschen Umrühren, das dir gelegentlich abverlangt ist, könntest du Gemüse schnippeln und die Bolognese damit variieren.“

das Standardgericht © GvP

Der Vorschlag leuchtete mir ein. Ich folgerte daraus: „Während Hackfleisch vor sich hin brät könnte man tatsächlich Zweckvolleres tun als vor dem Herd herumzustehen, um bisweilen in der Pfanne herumzurühren. Man kann derweil durchaus Gemüse kleinschneiden und zur Bolognese geben. Das wäre womöglich eine willkommene Abwechslung im Speiseplan und zudem gesünder.“

Angefangen habe ich mit Paprika. Dann artete die Zubereitung von Gemüse aus mir unerfindlichen Gründen aus. Die Experimente mit verschiedenen Gewächsen wurden immer waghalsiger. Schließlich musste für mein Gemüse-Potpourri sogar eine größere Pfanne her. Nachdem ich in Mengen gelbe Paprika, Kürbis und Karotten zum Hack gegeben hatte, stand ich vor einem neuen Problem. Zu Nudeln schmeckt das nicht!

Anders als in Berlin weiß ich hier jene Phase im Jahr zu schätzen, in der die Tage kurz sind. Und das, obschon die Winterzeit in der Stadt sehr viel heller ist als auf dem Land. Licht bricht dort Dunkelheit. Anders in meinem Dorf.

führt ins Nichts? © GvP

Straßenbeleutung ist hier eher spärlich gesetzt; das Licht der Laternen milchig und der Radius, den sie werfen, spärlich. Autos, deren Scheinwerfer kurzfristig Lichtkegel ins Dunkle bringen, fahren an meinem Haus ab dem frühen Abend nur selten vorbei. Auslagen und Geschäfte, die in den Städten fürs lukrative Weihnachtsgeschäft zweckvoll illuminiert sind, rechnen sich auf dem Land nicht. Man sucht sie hier vergeblich. Ebenso wie Rentiere, die aus bunten Glühbirnen röhren, um die Herzen der Menschen mit Licht zu erfüllen. Oder erleuchtete Weihnachtsmänner aus Jute, die mit schwerbeladenen Rucksäcken in Berlin an vielen Fassaden hochklettern.

im Dunkeln: Klarsicht? © GvP

Sogar in der Adventszeit und an den Weihnachtstagen: hier ist Dunkel dunkel. Stockdunkel. Viel fehlt nicht zum Schwarz. Insbesondere in den grauen Monaten November und Dezember, wenn kein Sonnenlicht in die kurzen Tage fällt. Wolkenverhangen funkelt dann kein Stern und auch der Mond kann sein fahles Licht nicht werfen.

Mit dem Dunklen wird es hier ruhig. Kein Flügelschlag der Graugänse mehr, kein Ruf der Schreischwäne, die tagsüber in Scharen über das Land ziehen. Ganz still. Nichts rührt sich, allenfalls ein Rascheln in der Ferne. Mutmaßlich der Waschbär. Oder ein Marder? Vielleicht der Fuchs.

Je schwärzer, desto stiller ist es auf dem Land. Das macht was mit einem! In reizloser Umgebung zu sein, schärft die Sinne; macht offenbar auch dünnhäutiger. Das schaudert und beglückt einen zugleich.

morbide Schönheit © GvP

Die zehnte Folge in dieser losen Reihe dürfte für diese Saison die letzte sein. Denn der Garten gibt Ruhe, er braucht mich nicht mehr. Abgesehen vom Laub, das zusammengekehrt und auf dem Komposthaufen entsorgt sein will, fordert er mir nichts mehr ab. Er zieht sich in sich zurück, kapselt sich ein, um im Winterschlaf Kraft für die kommende Saison zu sammeln. Dass er sich dabei mutmaßlich ins Fäustchen lacht („der Prittwitz fordern wir spätestens ab März 2022 wieder ordentlich was ab“), ficht mich nicht an.

das Totgeglaubte bildet Knospen © GvP

Mich stimmt das Antlitz des ruhenden Gartens friedlich. Da ich Kargheit mehr mag als üppige Pracht, ist mein Staunen darüber, was mir der Garten darbietet, jetzt noch größer als im Sommer. In kraftstrotzender Blüte gerät aus dem Blick, wie filigran die Sträucher, Stauden und Bäume (noch) sind. Wie willfährig sich die mageren Äste und Zweige nach Oben und zu den Seiten strecken. Von ihrer Last befreit wirken die Pflanzen zerbrechlich. Fast dünnhäutig. Und die wenigen Blätter, die sich an Äste klammern, scheinen hilflos und erschöpft.

Allein die Rispen-Hortensien, die erst im Frühjahr zurückgeschnitten werden, stehen noch in verwelkter Pracht. Vertrocknete Schönheiten, die sich anschicken, zu Staub zu werden. Dann fällt mein Blick auf einen knorrigen Ast. Nicht das einsam hängende Blatt zieht mich nun in Bann. Das Totholz bildet Knospen!

Im Grunde genommen habe ich mit Gärtnern nicht viel am Hut. Was nicht im Widerspruch zu der Tatsache steht, dass ich viel Gärtnere. Ich muss Unkraut jäten. Akribisch, um nicht zu sagen: besessen. Frei nach der Devise „wehrte den Anfängen“ rücke ich den Wildkräutern bereits dann zu Leibe, wenn sie sich anschicken, aus dem Erdreich sprießen zu wollen. So sie sich erst einmal breit gemacht haben, müsste ich ja mehr gärtnern.

Dass ich wässere, ist ebenfalls eine logische Konsequenz meiner Haltung, dass ich eigentlich mit Gärtnern nichts am Hut habe. Wer nicht wässert, braucht auch nicht zu gärtnern. Ich gärtnere aber. Weil ich gärtnern muss. Düngen gehört wie das Wässern zum Gärtnern dazu. Deshalb dünge ich. Dass ich gerne mähe, hat wiederum nichts mit dem Umstand zu tun, dass Gärtnern so gar nicht mein Ding ist. Mähen mit dem Aufsitzrasenmäher Horst fühlt sich wie Autoscooter-Fahren an. Und das ist anders als Gärtnern mein Ding!

mein Grundstück im Oktober 2021 © GvP

Obschon ich mit dem Gärtnern nichts am Hut habe und mir kein grüner Daumen gewachsen ist, verselbstständigte sich das Gärtnern quasi von selbst. Vor einigen Tagen gipfelte es darin, dass ich Blumenzwiebeln erstanden habe. Eine ganze Batterie! Die Aussicht, dass im kommenden Frühjahr Krokusse ihr Köpfchen erheben und Schneeglöckchen Boten für wärmere und sonnige Zeiten sein könnten, riss mich dazu hin. Ohne mir freilich auch nur einen Gedanken darüber gemacht zu haben, dass man auch für so etwas Simples wie Blumenzwiebeln pflanzen ein Mindestmaß an gärtnerischem Wissen mitbringen sollte. Noch am gleichen Tag brachte ich frohen Mutes den größten Teil der frisch erworbenen Zwiebeln in den Boden.

Der Euphorie folgte die Ernüchterung auf dem Fuß. Sabine, die nebenan wohnt und einen grünen Daumen hat, erwischte mich bei frischer Tat. „Was machst du denn da?“ Ihr Erstaunen schien groß. Obwohl sie weiß, dass Gärtnern nicht mein Ding ist, wollte mir ihre Frage nicht so recht einleuchten. Schließlich hatte sie im letzten Herbst auf ihrem Grundstück Unmengen von Blumenzwiebeln eingepflanzt. „Das siehst du doch“, lautete meine leicht patzige Antwort. „Aber doch nicht so!“, die ihre. Jetzt war mein Erstaunen groß. Denn was sollte daran – Loch buddeln, Blumenzwiebeln rein, Erde drauf – falsch sein?

da war ich noch euphorisch © GvP

Sabine runzelte die Stirne. Mir schwante, dass ich mit meiner Methode, möglichst viele unterschiedliche Blumenzwiebel-Sorten in ein gemeinsames Loch bringen, nicht richtig liegen könnte. Ich lag falsch. Völlig falsch. Sabine klärte mich auf. Jede einzelne Zwiebel bedarf eines Loches für sich. Und nicht nur das! Jede Sorte bedarf einer speziellen Tiefe, die ihr Loch haben muss. Außerdem müssen gewisse vorgegebene Abstände zwischen den Löchern beachtet werden, die wiederum in Abhängigkeit von der Sorte, die in den Boden gebracht werden soll, stark variieren.

Eine ernüchternde Erkenntnis. Von der Illusion, mich im kommenden Frühjahr an blühenden Rabatten erfreuen zu können, verabschiedete ich mich. Befriedet hat mich aber der Tatbestand, dass ich einen Großteil der Unmengen an Zwiebeln, die ich in unwissender Euphorie erworben hatte, im wahrsten Sinne des Wortes bereits versenkt hatte. – Hatte ich schon erwähnt, dass Gärtnern so gar nicht mein Ding ist?

In diesem Beitrag geht es zuvörderst um den Hund, auf den ich 2013 gekommen bin, als ein Welpe bei mir einzog. Den knapp acht Wochen alten mutmaßlichen Wühltischwelpen hatten aufmerksame Passanten in einem Pappkarton an einem Berliner See aufgefunden und das todkranke Tier ins Tierheim gebracht. Nachdem man ihn aufgepäppelt hatte, kam er zu mir. Er krempelte mein Leben um und entpuppte sich – laut einer DNA-Analyse, die ich aus Neugierde machen ließ – zudem als ein nahezu reinrassiger temperamentvoller Rat-Terrier. Der Rasse, die traditionell auf Farmen und Schiffen gehalten wurde, wird nachgesagt, dass deren Abkömmlinge 100 Ratten in nur sechs Minuten stellen können.

Hundi in ihrem Element: Buddeln © GvP

Ich hatte mich mit der Entscheidung nicht leichtgetan, einen Hund aufzunehmen. Freilich machte es mir Klein-Lotta-Filipa relativ leicht, mich mit einem Leben als Hundehalterin anzufreunden. Ich war viel mehr an der frischen Luft als früher, lernte neue Menschen kennen und hatte im Alltag mehr Spaß. Schnell wurde mir klar, dass Hundi das Beste war, was mir passieren konnte. Mutmaßlich trug sie auch nicht unwesentlich zu der Entscheidung bei, aufs Land zu ziehen. In einer Großstadt, allemal in der Metropole Berlin, die sich zunehmend hundeunfreundlicher gerierte, schien mir ein glückliches Hundeleben immer weniger möglich. Wir zogen im April 2020 nach Rosien in ein eigenes Haus mit großem Grundstück. In ein Hundeparadies. Wie mir schien.

Doch wider Erwarten brachen für Lotta-Filipa keine paradiesischen Zeiten an. Sie wurde zunehmend von ihren Rat-Terrier-Genen dominiert und entwickelte sich zu einem Arbeitstier. Chillen auf dem Sofa oder dem Hundekissen waren plötzlich nicht mehr so ihr Ding. Vielmehr begann sie sukzessive auf ihre Art mit dafür zu sorgen, dass uns ein gutes Leben auf dem Land möglichst gut gelingt.

der Wächter des Gartens © GvP

Längst arbeitet sie im Haus und auf dem Hof aktiv mit. Obwohl sie davon noch weniger versteht als ich, unterstützt sie mich tatkräftig beim Gärtnern. Wenn ich dem Unkraut zu Leibe rücke, buddelt sie an meiner Seite. Mit Obacht wohlgemerkt, damit nichts frisch Gepflanztes ihrem Tun zum Opfer fällt. Hoch anzurechnen ist ihrem hündischen Instinkt, dass sie beim Wässern an sich hält. Denn im Gegensatz zu den anderen vier Hunden, die nebenan bei Sabine leben, hebt sie ihr Bein an meinen Pflanzen nicht.

Mit jedem Monat, den wir länger in Rosien leben, scheint Lotta-Filipas Verantwortung für Haus und Hof zu wachsen. Dass sie das Grundstück bewacht, versteht sich von selbst. Und was ihr nicht passt, kommt nicht ins Haus. Eindringlingen, die es dennoch geschafft haben, macht sie den Garaus. Sie versucht es jedenfalls mit Verve. Noch allerdings hat sie nicht eine Fliege oder Mücke geschnappt.

der Überbringer der Nachrichten © GvP

Hundi gibt ihr Bestes, um mich zu entlasten. Sie mahnt – nicht ganz uneigennützig – Pausen an, wenn ich zu lange am Schreibtisch über dem anzufertigenden Buch brüte. Sie trägt die Tageszeitung ins Haus und würde für mich Ratten, Nutrias und Kaninchen jagen. Wenn sie schnell genug wäre. Beim Bäcker in Neuhaus Sonntagsbrötchen für mich besorgen. Wenn sie dürfte. Das unterbinde ich nämlich aus guten Gründen. Abholen in Neuhaus? Kriegt sie locker hin. Wieder nach Hause kommen auch. Allerdings ohne Brötchen. Die hätte sie unterwegs während so mancher Picknickpause genüsslich verzehrt. Und dabei nicht einmal ein schlechtes Gewissen gehabt.

Tatsächlich gibt Hundi ihr Bestes. Bisweilen tut sie des Guten aber doch zu viel. Derzeit jagt sie Wühlmäuse und gräbt dabei unseren Garten um. Nicht zu meiner Freude, versteht sich. Andererseits? Ohne ihren Aktionismus wüsste ich nicht einmal, dass auf dem Grundstück Wühlmäuse leben. Jetzt bin ich gefragt!

Cornus kousa mit Bonbons © GvP

Etwas mehr vom Gärtnern als im vergangenen Jahr verstehe ich mittlerweile. Habe die Acker-Kratzdisteln halbwegs im Griff, komme mit Rindenmulch und dem Dosieren von Dünger besser zurecht und kann auf mein ausgeklügeltes Bewässerungssystem mit integrierter LED-Beleuchtung zu Recht stolz sein. Was wo in meinem Garten gepflanzt wurde, kann ich Besuchern inzwischen auch aus dem EffEff erklären. Dass das allein dem Umstand zu danken ist, weil ich mir einen Spickzettel mit Standort und Namen des Angepflanzten angefertigt hatte, den ich inzwischen auswendig kann, brauche ich ja niemanden zu verraten.

Darüber hinaus stehe ich mit Fauna und Flora weiterhin auf dem Kriegsfuß. Trotz diverser Pflanzenbestimmungsbücher und -apps, die im vergangenen Jahr angeschafft wurden. Zu meiner Ehrenrettung muss gesagt sein, dass es mir weder die Natur noch die Botanik leicht machen. Denn nichts anderes als Wortungetüme haben sich die Pflanzenentdecker und -bestimmer einst ausgedacht. Zwar habe ich vor Jahren im Zusammenhang mit meinem Studium das Kleine Latinum gepaukt, erinnere mich aber nicht, dass ich für die Übersetzung des „Bellum Gallicum“ jemals Pflanzennamen gebraucht hätte.

Malus Rudolph mit Kirschen © GvP

Und deren Übertragungen ins Deutsche? Die kann ich mir ebenso wenig merken wie die lateinischen Bezeichnungen. Zumal die deutschen Namen für meine Begriffe so gut wie nie mit dem Aussehen der jeweiligen Pflanze, von der ich wissen will, wer und was sie ist, kompatibel sind. Der Wollige Schneeball (Viburnum lantana) bespielsweise sieht weder wie ein Schneeball noch wie Wolle aus. Und der gewöhnliche Natternkopf (Echium vulgare)? Der ist in meinen Augen alles andere als gewöhnlich. Der fällt nicht nur seiner schönen Farbe wegen aus dem Rahmen.

Womit wir bei der Natur wären, die mir das Einordnen und beim Namen nennen ebenso schwer wie die Botanik macht, die für mein Dafürhalten endlich vom Kopf auf die Füße gestellt gehört. Das jedenfalls, was in meinem Garten angepflanzt wurde, passt nicht immer in das Bild, das die Natur vorgibt. Am Zierapfel (Malus) Rudolph wachsen – wie ich bei meinem heutigen Rundgang feststellen musste – nicht etwa Äpfel, sondern Kirschen! Die sechs immergrünen Schneebälle (Viburnum rhytidophyllum) warten mit schwarzen und roten Johannisbeeren auf. Völlig aus dem Tritt ist der Blumen-Hartriegel (Cornus kousa „Cappucino“). Er trägt riesige ungezuckerte Himbeerbonbons; böse Zungen behaupten sogar, an ihm mutiere ein Virus.

Mutmaßlich langweile ich Tante S. während unserer regelmäßigen Telefonate. Möglicherweise fordere ich ihr dabei sogar viel ab? Da einer 86-Jährigen, die nicht gut zu Fuß ist, im Alltag, allemal unter Corona-Bedingungen, nicht allzu viel geboten ist, drehen sich unsere Gespräche zwangsläufig um mich.

Verstanden hat Tante S. nie, warum ihr Patenkind aufs Land zog. Sie hatte sich völlig anderes von mir erhofft. Dass ich ein mondänes Leben in einer angesagten Stadt mit regem gesellschaftlichem und kulturellem Leben führe. Selbstredend mit einem ebenso gutaussehenden wie solventen Ehemann an der Seite, der mich mitsamt den Perlenketten und -steckern ausführt, die sie mir – beginnend ab meiner Konfirmation – zu Fest- und Ehrentagen geschenkt hat. Und was macht das Patenkind ausgerechnet in dem Dezennium, in dem noch Hoffnungen auf einen adäquaten Partner bestünden? Es zieht aufs Land!

meine Bude auf dem Land im August 2020 © Sabine Münch

Unter den Folgen, die sich für mich durch den Umzug aufs Land ergeben haben, dürfte Tante S. inzwischen mehr leiden als unter dem Umstand, dass ich seit 16 Monaten in einer strukturschwachen Gegend in einem Dorf lebe, das keine 100 Seelen zählt. Sicherlich wäre ich gut beraten, wenn ich meine Begeisterung darüber, wie man auf dem Land lebt und was man auf dem Land so macht, in meinen Telefonaten mit ihr etwas zügeln würde. Kann ich aber nicht, da mich das Leben auf dem Land begeistert.

Vieles, was hier selbstverständlich ist, stößt Tante S. bitter auf. Dass sich die Nachbarn duzen und dass der Parkplatz vor Penny ein beliebter Treffpunkt zum Klönen und Klatschen ist. Dass ich, seitdem ich auf den Hund gekommen bin, keine Absatzschuhe mehr und vornehmlich Outdoor-Kleidung trage, war schlimm. Noch schlimmer ist aber, dass ich mich so sehr für das Gärtnern begeistere, dass ich mir dafür eigens einen Grünmann angeschafft habe. „Arbeitskleidung? Kind, das steht dir doch nicht!“

meine Bude auf dem Land im August 2021 © Sabine Münch

Wenn ich enthusiasmiert von den Fortschritten spreche, die mein Rasen seit seiner letzten Düngung gemacht hat, oder bestgelaunt erzähle, wie mühselig es ist, Kanadisches Berufkraut oder Brennnesseln auszumerzen, kommt Tante S. überhaupt nicht mehr mit mir mit. Ich bin ihr dann ein großes Rätsel, nicht die Frau, die sie kennt. Nicht ausmalen wiederum kann ich mir ihre Reaktion, wenn sie bei unserem gestrigen Gespräch bemerkt hätte, wie dreckig meine Fingernägel trotz Handschuhe vom Gärtnern waren. Möglicherweise hätte sie ein Stoßgebet gen Himmel und einen Gutschein für den Besuch eines Nagelstudios nach Rosien geschickt. Mutmaßlich hätte sie aber vollends daran gezweifelt, dass ich die bin, deren Patentante sie ist.