Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Über den albernen Welpenkram, für den ich viel zu erwachsen war, sind wir zusammengewachsen. Anfangs tat ich – wie hier dargelegt – nur mit, um Gesine zu ärgern, indem wir in den Beeten tobten und die Pflanzen dabei Schaden nahmen. Dann hatte ich richtig Spaß daran, mich mit dem aufdringlichen Eindringling abzugeben. Inzwischen spiele und renne ich ganz gerne mit ihr. Allerdings nicht immer!

Quälgeist Käthe © GvP

Das sieht Käthe anders. Sie will immer! Käthe ist ein Quälgeist, sie kann nicht genug kriegen. Weder vom Spielen, Tollen und Toben und erst recht nicht vom Fressen. Unappetitlich ist mitanzusehen, wie sie das runterschlingt, was in ihrem Napf ist. Tischmanieren hat sie nicht. Und ein Genießer wie ich einer bin ist sie auch nicht. Käthe weiß gar nicht zu schätzen, was ihr kredenzt wird. Welpenkraftnahrung in feinster Bioqualität. Sogar dreimal täglich und in Portionen, die dreimal so groß sind wie meine. Obwohl ich nur morgens und abends zu fressen kriege. Eine zum Himmel schreiende Ungerechtigkeit ist das! Ich frage mich, warum ihr Gesine nicht irgendeinen billigen Fraß vorsetzt. Käthe schmeckt doch gar nicht, was sie binnen Sekunden runterschlingt.

Ansehen kann man ihr aber, dass ihr das viele gute Futter guttut. Sie hat in sechs Wochen vier Kilogramm an Gewicht zugelegt. In die Höhe gewachsen ist sie auch. Jetzt misst sie in der Schulterhöhe gute 40 Zentimeter, womit sie mich überragt.

im Gleichschritt © GvP

Das Ergebnis der DNA-Analyse, die Gesine nach Käthes Ankunft in Auftrag gab, ist inzwischen gekommen. Da brauchte ich aus meiner Schadenfreude keinen Hehl zu machen. Käthe ist ein Bastard erster Güte. Allererster Güte! Das macht der kein anderer Straßenköter nach.

Seitdem ich weiß, wie viele unterschiedliche Gene in dem aufdringlichen Eindringling drinstecken, trage ich meine Nase noch höher. Aus guten Gründen. Denn ich bin ein nahezu reinrassiger Rat-Terrier, zu dem lediglich Deutsch Kurzhaar und Cocker Spaniel etwas beigemischt haben. Alles erstklassige vom FCI anerkannte Rassen mit vorzüglichen Charaktereigenschaften. Käthe kann mit ihrer Abstammung nicht punkten. Im Gegenteil. Sie sollte sich grämen, da die DNA-Analyse ergab, dass ihre Vorfahren über mindestens drei Generationen hinweg keinerlei Schamgefühl kannten. Sie trieben es doll. Ohne Rücksichtnahme auf ihr Erbgut. Wo auch immer und mit wem auch immer. Kurzum: Käthe ist das Resultat zügelloser Sexualtriebe! Das ist doch hochnotpeinlich.

„Spiel nicht mit den Schmuddelkindern…“ Leichter gesagt als getan. Käthe ist ein Quälgeist und irgendwie mag ich sie mittlerweile doch ganz gerne.

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Das Tagebuch in Gänze kann man hier nachlesen

Zwar war ich längstens aus dem Welpenalter heraus und verspürte wenig Lust, mich wieder auf das Niveau eines minderbemittelten Tollpatsches herabzubegeben, der Freude daran hat, Bleistifte anzuknabbern, Schuhe zu verkramen oder Pflanzen auszubuddeln. Nachdem mir jedoch klar geworden war, dass Welpenkram Gesine auf die Nerven ging, tat ich mit wachsender Begeisterung mit Käthe mit. Mir gefiel, dass ich dank dem aufdringlichen Eindringling, der mir meine Rolle als verwöhnter Einzelköter streitig machte, doch noch auf meine Kosten kam.

Zunächst spornte ich Käthe an, Unfug zu machen. Dann besann ich mich auf das Repertoire, das ich vor neun Jahren draufhatte. Dass ich als Welpe gerne Kabel und Schnürsenkel angeknabbert hatte, was bei Gesine immer besonders gut angekommen war. Zu meinem Missvergnügen stand Käthe danach nicht der Sinn. Sie beschnupperte ein Paar von Gesines Schnürschuhen und gab mir dann zu verstehen, schmeckt nicht.

Spielen © GvP

Da Käthe keinerlei Interesse an dem Unfug zeigte, den ich aus meiner Welpen-Mottenkiste hervorgekramt hatte, musste ich mich aus der Not geboren auf das einlassen, woran Käthe Freude hatte. Toben und Spielen, Unruhe und Unordnung ins Haus bringen, sich grunzend auf dem Rasen wälzen, an Gräsern und Pflanzen zupfen, liegengelassene Gartenutensilien verschleppen und mit spitzen Milchzähnen an Rasensprengern nagen. Größtenteils alberne, um nicht zu sagen: hochnotpeinliche Sachen, die weit unter meinem Niveau lagen.

noch auf dem Rasen © GvP

Spielen, Wälzen, Toben und Rennen jedoch waren auch meine Dinger. Darauf ließ ich mich gerne ein. Um meinem ursprünglichen Plan nicht vollends aus dem Auge zu verlieren, dass es in der Sache weder um Käthes noch um mein Vergnügen, sondern um Gesines Missvergnügen ging, bemühte ich mich, eine ausgeklügelte Taktik durchzusetzen. Erst wälzten, tollten und rannten wir auf dem Rasen, dann in den Beeten. Dass die Pflanzen unter unserem wilden Spiel litten, gereichte Gesine erwartungsgemäß nicht zur Freude, mir aber zur Schadenfreude.

Ich war stolz auf mich. Ein ausgesprochen kluger Schachzug, mich auf Käthes Seite zu schlagen! Da hätte ich auch schon früher darauf kommen können.

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Wie berichtet. Nach Gesines Ansage („Schluss mit dem Zickentheater, rauft Euch zusammen!“) ging mir auf, dass es so nicht weiterging. Käthe wohnte inzwischen gute zwei Wochen bei uns und ein Hundeleben unter dem Bett, unter das ich mich schmollend zurückgezogen hatte, schien auf Dauer keine rechte Option.

Ich entschied, mich von der Rolle als beleidigte Leberwurst zu verabschieden. Das hatte mir rein gar nichts gebracht. Bei Gesine hatte ich damit nicht gepunktet. Ich konnte unterm Bett versauern. Der neue Hund blieb im Haus. Auf Käthe hatte ich unter dem Bett ebenfalls keinen Eindruck gemacht. Im Gegenteil. Die hatte meine Abwesenheit schamlos für sich genutzt. Sich an Gesine rangeschmissen. So was von eingekratzt! Kurz war mir noch der Gedanke gekommen, in einen Hungerstreit zu treten. Verwarf die Idee aber alsbald. Ein leerer Magen war mir die Sache dann doch nicht wert.

die Nervensäge © GvP

Mein Entschluss (Warum sollte ich auf Kirschen verzichten, nur weil mit jemanden nicht gut Kirschen essen ist?) stand fest. Notgedrungen reichte ich Käthe meinen kleinen Finger. Kaum getan, ging das Theater, auf das ich mich so diebisch gefreut hatte (siehe Tagebucheinträge Klappe, die Erste und die Zweite), richtig los. Und zwar nicht mit Gesine, wie erhofft, sondern mit mir in der Hauptrolle. Käthe nahm meine ganze Pfote! Sie war völlig aus dem Häuschen: Toll, du bist mein Kumpel, mein Freund. Zeig‘ mir die Welt, spiel‘ mit mir. Lass‘ uns großartige Dinge tun!

Spielen ohne Unterlass © GvP

Ab dem Moment, zu dem ich ihr meinen kleinen Finger gereicht hatte, nervte Käthe ohne Unterlass. Forderte mich zu albernen Sachen heraus. Welpenkram, aus dem ich längst herausgewachsen war. Am liebsten hätte ich mich wieder unter das Bett verzogen. Allerdings wurde schnell deutlich, dass wir Gesine nervten, wenn wir ohne Unterlass alberne Sachen unternahmen. Das gefiel mir gut. Mit wachsender Begeisterung begann ich, mit Käthe Unfug zu machen. Käthe war ein echter Zugewinn!

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Käthe nervt. So was von! Erst machte sie mir alle Plätze streitig an denen ich es mir gewohnheitsmäßig gemütlich gemacht hatte. Und zuletzt kroch sie auch noch unters Bett, wo ich mich vor dem aufdringlichen Eindringling in Sicherheit gebracht hatte (siehe meinen vorherigen Tagebucheintrag). Zugegebenermaßen auch in der Absicht, bei Gesine Schuldgefühle zu wecken: Wieso holt die sich einen Hund ins Haus? Wo doch ich da bin!

Was Gesine mit herzallerliebsten Worten und allerleckersten Leckerlis nicht vollbracht hat – mich unterm Bett hervorzulocken – schaffte Käthe binnen einer Sekunde. Sie drängte sich drunter und zwängte sich neben mich. Ich wurde panisch und floh unter dem Bett hervor.

Abstand zu Käthe halten © GvP

Hinterher ärgerte ich mich, dass ich mich in die Flucht jagen lassen und meinen letzten Schutzbunker nicht verteidigt hatte. Mir dämmerte, dass ich mit meinem Vorhaben, Käthe demonstrativ aus dem Weg zu gehen, nicht weiterkam und beschloss die Taktik zu ändern. Nicht mehr vor Käthe Schutz zu suchen, sondern sie durch Präsenz und Dominanz in die Schranken zu weisen. Ich erinnerte mich an Zähne zeigen, Lefzen hochziehen und bösartig knurren. Spielte gedanklich verschiedene Angriffs- und Verteidigungsmodi durch. Das würde auf Käthe Eindruck machen!

Zickentheater © GvP

Gefragt war die neue Taktik als Käthe es sich neben Gesine treuherzig blickend auf dem Sofa bequem gemacht hatte. Ihr Kopf lag auf Gesines Oberschenkel, eine Tatze auf dem Unterarm. Als Gesine begann, sie zu streicheln, knallten bei mir alle Sicherungen durch. Ich warf mich bösartig knurrend, Zähne und Lefzen zeigend aufs Sofa. Käthe zeigte ihre albernen Milchzähne, zog aber die Lefzen gefährlich hoch und knurrte noch bösartiger als ich. Gesine ging dazwischen. Schluss mit dem Zickentheater. Ihr rauft Euch jetzt zusammen!

Nach einem kurzen betroffenen Schweigen zwinkerte mir Käthe erst wedelnd zu, dann nahm sie eine Spielhaltung an. Ich entschied mich kleinbeizugeben. Der Klügerer gibt bekanntlich nach. Warum sollte ich auf Kirschen verzichten, nur weil mit jemanden nicht gut Kirschen essen ist?

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Mein Stiefbruder Michael von Seydlitz berichtet:

„Der rote Regio- Express nach Magdeburg ist schon bei der Einfahrt komplett belegt. Die Glücklichen, die sich auf den Sitzplätzen bereits einrichten konnten, sind mit sich selbst beschäftigt. Es ist 9 Uhr am Berliner Hauptbahnhof.

Die erste Tür öffnet sich. Normalerweise steigen jetzt Passagiere aus, das will an diesem Morgen aber niemand. Hier ist das Fahrradabteil. In dem Bereich stehen so viele Räder aufgereiht wie beim Zweirad-Center von Stadler, dazwischen drängen die Leute nach. Drei Mütter mit Kinderwagen im XXL-Format suchen Zugang, ein Anblick wie am Wannsee. Vor mir fachsimpeln zwei: „Das mit den Fahrrädern ist doch Mist“ und wollen dennoch rein. Eine Durchsage bittet, die Fahrräder innerhalb der Markierungen abzustellen. Ich trete zurück und dränge zur nächsten Tür. Hier ist kein Fahrrad nirgends und ich habe eine Idee. Mein Regio kommt ja erst noch. Ich wurzle hier fest und hoffe, dass der bitte genau an derselben Stelle stoppen wird, wo ich bin. Ich finde den Einfall toll, bin aber nicht allein. Vor mir bleiben Leute an der Bordsteinkante stehen, beratschlagen sich kurz, um weiterzueilen. Und dann kommt er, der Nahkampf. Ein größerer Mann baut sich neben mir auf und hält unablässig sein Handy ans Ohr, ohne jemals zu sprechen. Zwischendurch schaut er auf eine Bahn-App. Vielleicht ist er noch unentschlossen, wo er hinwill. Er kommt immer näher, wendet sich, schwenkt wieder um, und verdrängt für mein Empfinden Bruttoregistertonnen an Luft. Es wird eng. Die elektronische Stimme mahnt noch, nur die vorgeschriebene Anzahl Räder mitzunehmen. Als wenn darauf heute irgendjemand achten würde. Dann fährt Magdeburg ab.

Berlin Hbf 4. Juni 2022, 9 Uhr © MvS

Von hinten bis vorne, von unten bis oben ist am Gleis 14 alles voll. Unablässig gleiten immer mehr Menschen über die Rolltreppen im Hauptbahnhof nach. Es ist das erste Groß-Wochenende für das 9-Euro Experiment. Der Regio-Express nach Wismar fährt ein. Der ist für mich und er bleibt fast exakt dort stehen wie sein Vorgänger. Ich empfinde mich in der Pole Position, bin aufgeregt und steige schnell zu. Der Vorraum wirkt offener als er wirklich ist. Zu Pfingsten sei der Vergleich erlaubt, es ist nur eine Wasserscheide, die sich jeden Moment wieder schließen wird. Menschen, Taschen, Koffer stehen dicht gerückt und mustern uns beim Einsteigen. Manche grinsen. Die Stimmung scheint gut, das Einzige was fehlt, ist der Raum. In den Doppeldeckern sind alle Plätze besetzt bis zu den Treppen hinauf. Mir gelingt es zwischen zwei Paaren im Gang einen Stehplatz zu ergattern Es geht los. Viele lachen. Es ist ein Abenteuer und man freut sich darauf. Gegen das Chaos hat die Bahn Ordner eingesetzt, die in die Züge hineingeschaut haben, ab und zu eingreifen, aber wenig ausrichten. Die Polizei patrouilliert und hat nahe den Rolltreppen Posten bezogen. Mein Regio nach Wismar läuft aus. Auf dem Land Rosien besuchen, bin aber ziemlich genervt gewesen bei den Reisevorbereitungen, weil alle auf einmal von Sylt oder dem 9-€-Chaos sprechen.

Mein Sylt hieß im Augenblick Rosien. Ich hatte mich im Reisecenter der Bahn beraten lassen und ein Kombi gewählt. Hin mit dem 9€-Experiment, falls das irgendwie schiefgeht, zurück regulär. Als ich das Gesine mitteilte, meinte sie kühl, andersrum wäre besser. Und in der Tat, wir waren am Schalter ins Plaudern geraten und hatten darüber Pfingsten vergessen. Nachdem mir Gesine zu verstehen gegeben hatte, dass Pfingsten tatsächlich bevorstand, entschied ich mich, nur eine Schultertasche mitzunehmen. Leichtes Gepäck, das frische Brot vom Backwerk das ich mitbringe, passte auch hinein. Dann suchte ich nach Fluchtwegen. Hopp on, hopp off!

Regio nach Schwerin 4. Juni 2022 © MvS

Jetzt stehe ich im Gang. Wismar hat Fahrt aufgenommen, den Tiergarten erreicht, ein Display kündigt in roten Kreuzen Verspätung an. Der nächste Halt ist der Bahnhof Zoo. Eine Durchsage bereitet uns vor: Die Fahrgäste mögen doch bitte in die Mitte zusammenzurücken. Aber wie findet man zwischen zwei Stockwerken, die total verstopft, überfüllt und belagert sind, wo die Lüftung in Bälde überfordert zu sein scheint und die in den Öffentlichen Verkehrsmitteln obligatorisch zu tragenden Masken verrutschen werden, die Mitte? Ich habe mich entschieden. Hopp off!

Überraschung, weil jemand raus will, während am Steig Gedränge herrscht. ‚Ja, das gibt’s auch‘, sage ich und steige über einen Berg Taschen. Freundliches Lachen. Ich laufe ein paar Schritte, sehe hinauf zur Bahnhofsuhr, bin guter Laune und empfinde es nach dem Erlebnis als komfortabel, dass ich nachhause fahren kann mit demselben Fahrschein. Ich gönne mir ein ausgiebiges Frühstück und gehe nicht ran als mein Handy klingelt. Gesines Schadensfreude kann warten.“

Wie berichtet hatte ich mich auf ein großes Schauspiel gefreut: Käthe führt Gesine vor. Die lässt sich nichts sagen, nicht erziehen. Mein Urteil stand fest. Gegen einen Welpen, der aus dem Zwinger lediglich das Recht des Stärkeren kennt, kommt Gesine nicht an.

Dann kam alles anders. Käthe brachte aus der Smeura eine solide Grunderziehung mit (siehe meinen vorherigen Tagebucheintrag). Insofern war Gesine anfangs eher wenig gefragt. Dafür aber ich. Bereits an Tag Zwei führte Käthe mir selbstbewusst vor, dass meine Position als verwöhnter Einzelköter, für den das Beste gerade einmal genug ist, nicht unbedingt gesichert war.

solide Grunderziehung © GvP

Unmittelbar nach ihrer Ankunft am 12. Mai 2022 hatte sie begonnen, alles in Besitz zu nehmen, was bislang nur mir gehört hatte. Sie inspizierte zunächst meine beiden Körbchen und mein Knautschkissen, um sich dann schnaufend auf das Kissen fallen zu lassen. Meinen Lieblingsplatz! Woraufhin ich mich beleidigt auf den Lesesessel zurückzog, um Gesine zu signalisieren, dass hier gehörig was schieflief. Die wiederum gab mir zu verstehen, dass es meine Sache sei, meine Refugien zu verteidigen. Dass das Recht des heimischen Hundes über dem des Neuankömmlings stünde.

nimmt alles in Besitz © GvP

Das leuchtete mir ein. Tatsächlich hatte Käthe es sich inzwischen auf meinem Lieblingskissen so richtig gemütlich gemacht. Ich entschied mich, sie anzuknurren. Käthe bleckte entschlossen die Zähne. Das brachte mich vollends aus der Fassung. Dass ein Welpe mir seine mickrigen Milchzähne zeigt, war ein Schlag ins Gesicht. Doch der Abend, sagte ich mir, ist ja noch nicht rum. Warten wir bis sich Gesine schlafen legt. Ins Bett, wo ich seit neun Jahren zu ihren Füßen nächtens liege, kommt die nicht! Das lässt Gesine bestimmt nicht zu.

Als ich mich gegen Mitternacht dort betten wollte, lag Käthe bereits schnarchend drin! Nicht etwa am Fußende, wo Hunde hingehören, die im Bett schlafen dürfen, sondern an Gesines Seite, die selig zu träumen schien. Vollends gekränkt verzog ich mich schmollend unters Bett. Ich beschloss, Gesine eine Lehre zu erteilen und bis auf weiteres unter dem Bett zu bleiben.

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Das Tagebuch in Gänze kann man hier nachlesen

Am 12. Mai 2022 war der Proband, mit dem Gesine unter Beweis stellen wollte, einen Hund ohne Larifari und Geschwafel erziehen zu können, plötzlich im Haus. Die Ankunft traf mich völlig unvorbereitet. Damit hatte ich nicht gerechnet, dass Gesine ihr Vorhaben, einem Zweithund ein Heim bieten zu wollen, realisiert. Ich war überrascht. Weniger von Käthe als vielmehr von dem Umstand, dass Gesine ihren Worten hatte Taten folgen lassen. Wie oft hatte sie mir angekündigt, dass mein Verhalten Konsequenzen haben würde? Gefolgt ist meistens nichts.

Käthe leinenlos © GvP

Jedenfalls war der Hund abends da und ich beschloss, mich zurückzuhalten und zurückzuziehen. Bestenfalls so zu tun als wäre er nicht da. Auf meine Unterstützung bei der Erziehung eines Welpen sollte Gesine gar nicht erst rechnen. Das war allein ihre Sache. Die Suppe, die sie eingebrockt hatte, musste sie auch auslöffeln.

Käthe liebt Rasen © GvP

Nicht anmerken, versteht sich, ließ ich mir, dass mir Käthe auf Anhieb gut gefiel. Mir imponierte sehr, dass sich der vier Monate junge Welpe von Tag Eins an souverän und selbstbewusst verhielt. Er war kein bisschen schüchtern, nichts ängstigte ihn. An der wird Gesine Freude haben, dachte ich schadenfroh. Ich rieb mir die Pfoten: Die lässt sich nichts sagen! Die kriegt Gesine auch nicht richtig in Griff!

der Musterknabe © GvP

Meine Hochstimmung währte nur kurz. Denn Käthe setzte alles daran, mich zu fordern. Und ich schien der Lage nicht Herr zu werden. Wie sehr hatte ich mich darauf gefreut, das Schauspiel, ein Welpe fordert Gesine heraus, hämisch zu beklatschen. Doch anstelle Gesine war ich gefordert. Gesine war fein raus. Denn zum allgemeinen Erstaunen brachte der Welpe die ersten Bausteine einer guten Erziehung aus der Smeura mit! Käthe gab Pfötchen und erledigte ihre Geschäfte von Tag Eins an ausnahmslos draußen. Sie ließ sich bereitwillig bürsten, auf etwaiges Ungeziefer untersuchen und machte kein Theater als Gesine kleineren Verfilzungen im Fell mit der Schere zu Leibe rückte.

Es kam noch schlimmer. Bereits am zweiten Tag machte Käthe anstandslos Sitz. Auf Gesines Fingerzeig hin. Das brachte mich vollends aus der Fassung. Auf meine Kosten würde ich bei diesem Musterknaben wohl eher nicht kommen.

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Das Tagebuch in Gänze kann man hier nachlesen

Ganze neun Jahre lang hatte ich ein gutes Leben. Ein sehr Angenehmes. Gesine fiel nicht besonders auf. Zwar stieß sie mit ihrer eigenwilligen Devise „Mit Liebe erzieht man einen Hund“ in der hundeerfahrenen Szene auf Kopfschütteln. Mir tat das gut. Knappe, eindeutige Kommandos, barsche Töne oder gar eine strenge Hand blieben mir weitestgehend erspart. Gesine teilte sich mir lieber mit. Ausschweifend! „Lotta-Filipa. Bleib! Du solltest zudem hier Sitz machen. Dort kommt ein Auto und es besteht Gefahr, so du am Straßenrand nicht anhältst und Sitz machst. Anderenfalls könntest du unter die Räder kommen. Das tut weh. Im schlimmsten Fall könntest du dir eine schwere Verletzung zuziehen. Oder sogar tödlich verunglücken Das wollen wir doch nicht?“

Lotta-Filipa – Einzelköter © GvP

Noch ein Beispiel? Bitte sehr: „Lotta-Filipa. Bitte unterlasse es, am Schnürsenkel meines Schuhes zu knabbern. Das Paar trage ich besonders gerne und Ersatz für gelbe Schnürsenkel ist nur schwer zu bekommen. Außerdem könnten deinem Magen Schnürsenkel nicht bekommen. Eine Magendrehung. Ein Darmverschluss. Magst du nicht lieber ein Leckerli?“

ich bin perfekt ! © GvP

Zwei Signalworte aus dem ganzen Geschwurbel blieben anfangs spontan bei mir hängen: Leckerli und Sitz. Relativ schnell hatte ich zudem heraus, dass die beiden Begriffe unmittelbar zusammenhängen. Wer brav Sitz macht (und dabei bestenfalls noch schöne Augen macht), bekommt ein Leckerli. Und Gesine? Die wähnte sich mit ihrem Erziehungsstil auf einem guten Weg. Mir war das sehr recht.

Später lernte ich aus dem Geschwafel weitere Anweisungen herauszufiltern, die ein Hundeleben – damals noch in der Stadt – leichter machen können. Ich begriff, dass Platz, Bleib, Warte, Anschnallen, Hier und Pfui manchmal Sinn machen. Dass man dann gut beraten ist, ihnen Folge zu leisten. In gewissen Situationen, versteht sich. Andererseits gibt es mindestens genauso viele Momente, in denen solche Kommandos meines Erachtens völlig nutzlos sind. Dann stelle ich meine Stehohren auf Durchzug. Dass Gesine daraufhin noch wortreicher lamentiert, nehme ich für meine Freiheit gerne in Kauf.

Neuzugang Käthe © GvP

Ich habe einen Dickkopf. Typisch Terrier eben. Missraten bin ich deshalb nicht. Im Gegenteil. Ich bin perfekt. Ein verwöhnter Einzelköter, wie es in der hundeerfahrenen Szene heißt, dem bisweilen eine strenge Hand fehlt. Mit diesem Ruf kann ich bestens leben. Gesine offenbar nicht. Immer wieder redete sie in den vergangenen Monaten wortreich darüber, dass alles anders wird, wenn ein Welpe ins Haus kommt. Will sie etwa den Hundehaltern, die sie belehrten, dass man nur mit Liebe und ausschweifenden Erklärungen keinen Hund erzieht, etwas beweisen? Ich bin doch perfekt!

Jedenfalls habe ich weder daran geglaubt, dass ein weiterer Hund ins Haus kommt, der mir die Position als verwöhnter Einzelköter, für den das Beste gerade gut genug ist, streitig machen könnte, noch dass Gesine knappe Kommandos kann. Ich wähnte mich in Sicherheit. Zumal Gesine ihren Worten, ihrem unaufhaltsamen Geplappere, nicht immer Taten folgen lässt. Dementsprechend fiel ich aus allen Wolken als Käthe am 12. Mai 2022 aus der Smeura bei uns ankam. Kaum hatte ich mich wieder gefangen, dachte ich mir, na das kann ja heiter werden, wenn Gesine den konsequent erziehen will, und stellte mich auf ein gar köstliches Schauspiel ein.

Verifiziert ist das nicht, was sich über Käthe aussagen lässt. Sie wurde mutmaßlich am 7. Januar 2022 geboren, Ende März 2022 auf der Straße in Pitesti aufgefunden und in der Smeura geborgen, einem Asyl für Streuner- und Straßenhunde. Seit 11 Tagen lebt der vier Monate junge Welpe nach einer 1 1/2 -tägigen Ausreise aus Rumänien in Rosien.

Er schob seit seiner Ankunft bereits zweimal zwischen 15 und 18 Uhr Dienst in der Gemeindebücherei. Den Schnellkurs „Bücherdiebe am Hosenbein bzw. Rockzipfel fassen“ absolvierte er zuvor mit Auszeichnung. Da im Amt Neuhaus keiner auf die Idee käme, Bücher zu stibitzen, ist Käthe für den Job überqualifiziert und langweilt sich, wenn sie Mittwoch- und Freitagnachmittag Dienst tut.

weich gebettet © GvP

Die Aufgabe in der Bücherei nimmt sie dennoch ernst. Alles andere ist Abenteuer, Spiel und Tollerei. Ein Welpe entdeckt die Welt. Dass Käthe bei ihren tapsigen Erkundigungen vielfach über die eigenen Pfoten stolpert und in der Rücken- oder Bauchlage landet, irritiert sie nicht. Die Begeisterung, was es in der neuen Heimat alles aufzuspüren, zu beobachten, zu erforschen und zu schmecken gibt, ist größer. Großartig ist Rasen. Beim Wälzen darauf grunzt sie. Herrlich sind weiche Lagerstätten (mein Bett eingeschlossen), Bälle und Kuscheltiere famos. Am allerherrlichsten aber ist Fressen. Davon kann sie nicht genug bekommen.

Käthe kann super Sitz © GvP

Wenn ich bedenke, dass Käthe aus einem Zwinger kommt – dem Bevölkerten der Welt – und erst wenige Tage bei uns lebt, dann komme ich aus dem Staunen nicht heraus. Ich war auf Probleme eingestellt. Dass sich der Welpe mit dem Einleben und der Anpassung an unsere Gepflogenheiten schwertäte. Dass sie sich ängstigen könne vor all‘ dem Unbekannten, das sie erwartete.

Doch weit gefehlt. Bewundernswert wie souverän und selbstbewusst sie alles meistert. Eingedenk der Tatsache, dass auf dem Hof fünf alteingesessene Hunde leben, die es dem Neuling nicht gerade leicht machen. Allen voran meine Hündin Lotta-Filipa, die sich anfangs reichlich schwer damit tat, meine Aufmerksamkeit und Zuwendung nun mit einem nervigen Welpen teilen zu müssen. Beirren ließ sich Käthe davon nicht. Sie gab penetrant ihr Bestes, um sich einzukratzen, womit sie Lotta-Filipa in die Flucht schlug. Inzwischen sind die Beiden aber auf einem guten Weg ein Dream-Team zu werden.

auf bestem Weg © GvP

Ihre Geschäfte erledigte der Neuankömmling von Tag Eins an draußen. Die Teppiche, die ich vor ihrer Ankunft in Sicherheit brachte, kann ich wieder ausrollen, Kabel wieder an Steckdosen anschließen und Schnürschuhe, die vorsichtshalber außer Reichweite gelagert wurden, an die gewohnten Plätze zurückstellen. Und sogar das Trainingsprogramm „Ein Welpe ist allein zu Hause“, dass ich mir im Vorfeld für die Praxis zurechtgelegt hatte, getrost ad acta legen. Käthe kommt prima ohne mich in der Wohnung zurecht. Sie genießt es offenbar sogar, wenn nichts passiert, sich nichts bewegt. Dann muss man nämlich nicht andauernd Obacht haben, ob es etwas zu Fressen oder Neues zu entdecken gibt.

Eine Marotte allerdings hat sie. Käthe zwickt gerne und ausdauernd in meine Hosenbeine. Demnach war der Schnellkurs „Bücherdiebe am Hosenbein bzw. Rockzipfel fassen“ keine gute Idee.

Menschen sind eine gar sonderbare Spezies. Hätte ich mitgewerkelt bei der Evolution, hätte ich ihnen eine Portion Instinkt mitgegeben. Menschen durchdenken die Dinge. Ohne Überlegung oder Erfahrungen das Richtige zu tun, geht ihnen ab. Ein Paradebeispiel dafür, dass man mit krampfhaftem Nachdenken nicht immer weit kommt, ist die Suche nach einem geeigneten Namen für mich. Einem Welpen, der seit vier Tagen in Rosien in den Elbtalauen lebt.

keine Lore oder Lisbeth und schon gar nicht Lise-Felice © GvP

Ich räume ein. Gesine kannte mich nicht. Sie hatte lediglich einige Bilder gesehen, die Sabine in der Smeura geschossen und Matthias Schmidt vom Förderverein Tierhilfe Hoffnung auf meiner 18-stündigen Reise aus Rumänien nach Dettenhausen gemacht hatten. Viel wusste sie auch nicht von mir. Dass ich ein Mädchen bin, das mutmaßlich am 7. Januar 2022 geboren und Anfang März 2022 mutterlos und ohne Geschwister in Pitesti auf der Straße gefunden wurde. Ich rechne ihr an, dass sie sich Mühe gegeben hat. Welch‘ Zinnober um einen Namen!

ich bin Käthe! © GvP

Als Reminiszenz an ihre Hündin Lotta-Filipa und Liese-Lotte, Gesines vor 12 Jahren verstorbene Katze, sollte es ein Doppelname sein, der Erste mit L beginnen und zudem Vintage sein. Literatur-, Kultur- und Religionsgeschichten wurden befragt, Nachschlagewerke gewälzt und sich an literarische Protagonistinnen erinnert, die auf Gesine Eindruck gemacht hatten. Heraus kam nichts, jedenfalls kein klangvoller alter Doppelname, den ein vier Monate junger Welpe hätte tragen können.

Nachdem Gesine ihre Umgebung auf der Namenssuche für die Neue im Haus kirre gemacht und das Endergebnis ihrer profunden Recherchen – Lise-Felice – schlussendlich wieder verworfen hatte, schwang sie sich zu intellektuellen Höchstleistungen auf. Darauf muss man erst einmal kommen, dass auf das L im Alphabet ein M folgt und vor dem L ein K steht. Das gleiche Verfahren wie mit dem L begann… Völlig verkopf! Inzwischen war ich längst in Dettenhausen angekommen und auf dem Weg nach Bissendorf, wo mich Gesine und Sabine am Donnerstag, den 12. Mai gegen 16 Uhr in Empfang nehmen sollten. Zwar hatte sie sich auf der 3 1/2-stündigen Fahrt einschließlich diverser Staus den Kopf zerbrochen, einen Namen für mich hatten sie nicht.

Ich war pünktlich, die Beiden kamen etwas verspätet an. Die Begrüßung war stürmisch. Gestatten, ich bin Käthe! Gesine bewies sogar Bauchgefühl: „Stimmt. Du bist Käthe!“