Rosiener Notizen

Vom und über das Land

Da der Mai verregnet war, fiel das Gärtnern dem Wasser zum Opfer. Naiv wie ich in der Sache (noch) bin, redete ich mir ein, so der Wonnemonat seinem Namen keine Ehre macht, muss ich im Garten nichts machen. Zu meiner Ehrenrettung sei angemerkt, dass der Garten im Mai seinem Namen ebenfalls keine Ehre gemacht hat. Nach Garten sah das jedenfalls nicht aus, was meine „Bude auf dem Land“ umgeben hat.

Dann kam der Juni. Und mit dem Monat, in dem ich zur Welt gekommen bin, der Wetterumschwung. Schlagartig sah der Garten nach Garten aus und zu dem nach einem, in dem es für mich ziemlich viel zu tun gab. Eine Wiedergeburt! Eher wohl eine Sturzgeburt!!!

ein Blick in meinen Garten © GvP

Anfangs war ich beglückt, dass sich auf dem Feld, dass ich im vergangenen Jahr mit viel Mühe beackert hatte, etwas rührte. Allerdings überstürzten sich alsbald die Ereignisse. Während meine Sträucher, Pflanzen und der Rasen eher langsam in die Gänge kamen, schoss das Unkraut aus dem Boden. Binnen weniger Tage hatte es solches Übergewicht bekommen, dass ich beschloss, die Arbeit am Schreibtisch für einige Tage ruhen zu lassen, um dem Unkraut den Kampf anzusagen. Dass habe ich – nach einschlägigen Erfahrungen im vergangenen Jahr – verinnerlicht: Wehre den Anfängen. Sonst wirst du nie wieder Herr darüber.

Während ich zupfte, rupfte und nachmulchte (nicht mit Rindermulch), schoss der Rasen raus. In solche Höhen, dass ich mich veranlasst sah, mich des Rasens anzunehmen. Leichter gesagt als getan. Denn Mulcher Horst (ein Aufsitzmähwerk) kam mit dem hohen Wuchs nicht klar. All‘ das, was er in fetten Klumpen in drei Mährunden zu jeweils zwei Stunden auf dem Grundstück verteilte, musste mit dem Rechen zusammengekehrt werden. Das kostet Zeit und Kraft. Während ich mähte und kehrte, schoss das Unkraut ins Kraut. Ein Teufelskreis, dem ich kaum mehr Herr werde. Zumal ich wässern muss. Und allein damit täglich gut drei Stunden beschäftigt bin.

Ein Jahr und ein Monat ist der Umzug nach Rosien in die idyllische Elbtalaue heute exakt her. Einerseits hat sich in dieser Zeitspanne viel ereignet. Auf dem Grundstück! Darüber hinaus ist aber leider nichts passiert. Das gesellschaftliche/öffentliche Leben stand coronabedingt auch in der Gemeinde Amt Neuhaus still.

Malus Rudolph © GvP

Der traditionelle Frühjahrsempfang des Bürgermeisters konnte im letzten und in diesem Jahr ebenso wenig stattfinden wie das Treffen mit den neu Hinzugezogenen, das Bürgermeister Andreas Gehrke sich nach seiner Wahl im Herbst 2019 vorgenommen hatte. Der Kulturverein für Bürgerbegegnungen, dem ich seit August 2020 angehöre, sah sich sämtlicher seiner Aktivitäten beschnitten. Der Arbeitskreis „Carl-Peters-Stein“, dem ich aufgrund eines Beitrages auf den Rosiener Notizen verpflichtet wurde, konnte seither lediglich ein Mal tagen. Virtuell, versteht sich. Und das auch nur bei sehr geringer Beteiligung. Ähnlich ist es dem „Leitprojekt Grenzgeschichte(n)“ der Metropolregion Hamburg ergangen, an dem ich dank meiner Mitgliedschaft im Kulturverein teilhaben darf. Wir saßen im vergangenen Jahr im September ein einziges Mal als Gruppe in Ratzeburg zusammen. Unser zweites und bisher letztes Treffen war nur noch virtuell möglich.

der Flieder blüht © GvP

Vieles, was ich mir vorgenommen hatte – mich in der Gemeinde einzubringen, am gesellschaftlichen und kulturellen Leben teilzuhaben, Kontakte zu knüpfen – hat die Pandemie vereitelt. Das ist traurig. Mit Bauchschmerzen sehe ich den hiesigen Kommunalwahlen entgegen. Wen soll ich für den Rat der Gemeinde bestimmen? Da keine Veranstaltungen oder Informationsabende stattgefunden haben, kenne ich weder die Gesichter, noch weiß ich, wofür jene stehen, die sich dann zur Wahl stellen.

Mich versöhnt das, was dennoch alles möglich geworden ist. Trotz Pandemie, Maskenpflicht und Abstandsregeln durfte ich zugewandte und hilfsbereite Menschen kennenlernen und sogar eine Freundschaft schließen. Mir fehlt es hier an nichts. Im Gegenteil: ich habe mehr bekommen als ich es mir vor dem Umzug erhofft hatte. Ich bin glücklich. Dazu tragen auch 117 Sträucher und Bäume bei, die in den vergangenen zwölf Monaten in meinem Garten gepflanzt wurden. Sie treiben aus und der Rasen wuchert. Obwohl von Frühling bisher kaum die Rede sein kann.

Kapriolen schlägt derzeit das Wetter. Hinlänglich bekannt ist, dass der April macht, was er will. Auf dem flachen Land tut er das mit Wucht. Unterstützt von Orkanböen, die hier so stark sind, dass ich mein zugegebenermaßen leichtes Gewicht kaum dagegenstemmen kann. Geschweige denn von Hundi. Zwar meint Lotta-Filipa besonders stark und kräftig zu sein, tatsächlich bringt sie mit acht Kilogramm aber nur ein Fliegengewicht auf die Waage.

Lotta-Filipa noch entspannt © GvP

Gezwungenermaßen zum Stuben-Hocken verdammt nutze ich die freie Zeit, die neben dem zu schreibenden Buch bleibt, zum Klavierüben. Noten, die im G-Schlüssel stehen, kann ich inzwischen recht gut lesen und immer öfter gelingt es mir, die Finger meiner rechten Hand danach zu bewegen.

Beim F-Schlüssel hapert es mit dem Lesen bisweilen noch. Zwar erkenne ich auf dem Notenblatt, welcher Finger meiner linken Hand welche Taste zu bespielen hat, damit die angegebene Note erklingt. Das funktioniert in der Theorie schon ganz gut, nicht aber immer in der Praxis und erst recht nicht, wenn beide Hände zusammenspielen sollen.

Katzenjammer © GvP

Diese hohe Kunst übe ich seit einigen Tagen stoisch mit dem allseits bekannten Song von Louis Armstrong „When the Saints go marching in“. Dazu heißt es im Lehrbuch, dass die Melodie vollständig mit rechts gespielt wird, die Begleitung mit links. Klingt denkbar einfach, ist es aber nicht. Für mich jedenfalls nicht.

Um mich zu motivieren und auf die Durststrecke mit Louis Armstrong einzustimmen, spiele ich zuvörderst alle jene Stück, die ich bereits recht gut beherrsche. Zu meiner Freude scheint alles wohlgefällig für Lotta-Filipas feine Hundeohren zu klingen, die im Klavierzimmer, dem eigentlichen Gästezimmer, Platz genommen hat. Kaum aber stimme ich die ersten Töne für „When the Saints go marching in“ an wird Hundi unruhig. Sie verhält sich aber zumindest so lange still solange ich die Melodie mit rechts spiele, was inzwischen halbwegs funktioniert. Kaum kommt die linke Hand dazu fängt Hundi an zu bellen. So ich mit dem Üben nicht sofort innehalte, knurrt sie mich an. Gerade so als wolle sie mir sagen: „Hör auf. Das ertrage ich nicht! Von Kapriolen bist du noch weit entfernt.“

Seit einiger Zeit schlage ich neue Töne an. Setze einen Vorsatz um, der mich genau genommen seit Kindertagen begleitet. Nämlich als ein Leihklavier ins Haus gekommen war und wöchentlich eine Lehrerin. Die aber nicht mir, sondern meinem jüngeren Bruder Stunden gab.

Mir hatte meine Mutter ein anderes musisches Fach zugedacht. Ballettunterricht. Geschadet hat mir das nicht. Im Gegenteil. Ich begann schnell Freude an grazilen Bewegungen im rhythmischen Takt zu entwickeln, mich zu Musik zu bewegen. Obschon manche Exercises schmerzhaft gewesen sind und ich anfangs Mühe hatte, in Spitzenschuhen zu tanzen. Später dann – als ich den Ausdruckstanz, Flamenco und Stepptanz entdeckt hatte – kamen gewisse Stärken zum Vorschein, die sogar für kleinere Choreografien gereicht haben.

Verlassen hat mich der Wunsch nie, Klavier spielen zu können. Vielleicht ist auch Eifersucht oder gar Missgunst im Spiel gewesen? Jedenfalls wollte ich das unbedingt ebenfalls haben, was meinem Bruder in unserer Kindheit zuteilgeworden war. Wenn auch nur für eine kurze Zeit, da er weder Lust zum Üben noch Talent hatte.

jeder Anfang ist schwer © GvP

Nachdem mir vor gut 15 Jahren ein ausrangiertes Klavier geschenkt worden war, glaubte ich die erste Hürde genommen zu haben. Der lange gehegte Vorsatz scheiterte allerdings erst an der Erkenntnis, dass mein Vorhaben sehr viel schwieriger war als gedacht. Dann am inneren Schweinehund. Trotzdem zog das Klavier mit mir um. Erst von München nach Berlin, dann von Berlin nach Rosien.

Hundi übt… © GvP

Über die vielen Jahre war es nicht mehr stimmbar geworden. Kurzerhand ließ ich neue Saiten aufziehen. Dann besorgte ich mir Noten- und Klavierschulen, zuletzt ein Metronom. Den Schweinehund habe ich überwunden. Ich trichtere mir das Notenlesen ein und übe vom Blatt zu spielen. Zugegebenermaßen klang das ziemlich schräg. Offenbar vor allem für Lotta-Filipas feine Hundeohren. Immer wenn ich mich ans Klavier gesetzt habe, verzog sie sich möglichst weit vom Instrument entfernt. Bei ganz schlimmen Missklängen jaulte sie sogar auf.

Inzwischen scheine ich Fortschritte gemacht zu haben. Bilde ich mir jedenfalls ein. Denn: wenn ich übe, sucht Hundi neuerdings meine Nähe.

Bislang habe ich, wenn der Frühling erwacht ist, häufig an Frank Wedekind denken müssen. Jedoch nicht an sein bekanntes Drama, sondern an dessen erotische Tagebücher, die Gerhard Hay (1939 – 2014) einst transkribiert und 1986 herausgegeben hat. Ein Werk, das zu jenen gehört, die ich in Ehren halte.

Weniger wegen der darin befindlichen intimen Widmung von Gerhard. Es erinnert mich vielmehr an unsere gemeinsame Zeit, zu der er an dieser Veröffentlichung gearbeitet hat. Verschiedentlich haben wir Wedekinds Handschrift im Archiv gemeinsam entschlüsselt.

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Als sich der Frühling vor drei Tagen ungewöhnlich früh angekündigt hat, sind mir weder Wedekind noch Gerhard in den Sinn gekommen. Ich dachte ans Gärtnern, worin ich mich im vergangenen Jahr erstmals probiert hatte. Mit Blick auf meine recht dilettantischen Versuche als Gärtnerin habe ich mich bange gefragt, welche Freuden mich heuer dabei wohl erwarten würden?

erste Knospen © GvP

Ein Rundgang durch den Garten, den vor einigen Tagen noch Schnee bedeckt hat, verhieß nicht unbedingt Gutes. Begeistern konnte ich mich an dem kargen, nahezu armselig anmutenden Gehölzen nicht, die im letzten Frühjahr angepflanzt worden waren. Der Gedanke, dass die dürren und ausgetrockneten Gerippe wieder austreiben würden, erschien mir abwegig. – Davon abgesehen, dass die Hortensien demnächst zu beschneiden sind.

Mein Rundgang endete beim Blumenhartriegel Cornus kousa „Cappuccino“, dessen prächtige Blüten mich im vergangenen Jahr nahezu fasziniert haben. Nachdem ich erste Knospen an ihm ausgemacht hatte, war mir klar: die Freude am Gärtnern stellt sich alsbald wieder ein. Obschon mich dieses Vergnügen abermals viel Schweiß und Mühe sowie einige bittere Lehren kosten werden.

Schnee? Eine Kindheitserinnerung: Rodeln, Schneeball-Schlachten, Schneemänner gegebenenfalls Schneefrauen bauen. Kalte Finger und Füße. Ihr Kribbeln beim Betreten der warmen Stube. Bestenfalls roch es nach Apfel und Zimt. So ein Bratapfel im Ofen auf mich gewartet hat.

Weit zurückliegende Erinnerungen an schneereiche Winter. Seit langem ist es mir ein Bedürfnis gewesen, mich einmal wieder an einem Schneemann zu versuchen. Verwehrt haben mir das bislang die schneearmen Winter der vergangenen Jahre.

fünf Hunde (v.l.n.r): im Hintergrund Paula und Hilde, im Vordergrund Tretijak, Holly und meine Lotta-Filipa © GvP

Heuer hat es in der Elbtalaue ab Ende Januar ordentlich geschneit. Herrlicher Pulverschnee, der zum Schneemann-Bauen aber leider nicht taugt. Vorgestern lag dann doch noch der dafür benötigte Pappschnee. Zugegeben er war ziemlich schwer und mein Vorhaben entsprechend anstrengend umzusetzen. Womit sich auch erklärt, warum mein Schneemann sehr viel kleiner ausgefallen ist als ich ursprünglich vorgesehen hatte.

mein stattlicher Schneemann mit Karotten-Nase © Sabine Münch

Seine Kopfbedeckung war kein Problem für mich. Hüte und Kappen besitze ich. Die Karotte für die Nase hat Nachbarin Sabine beigesteuert, deren vier Hunde gerne Möhren fressen. Gehapert hat es an den Utensilien für die Augen meines Schneemannes. Da ich weder Kohle noch Steine zu Hand hatte, behalf ich mich – reichlich unkonventionell – mit Kerzenhaltern für einen Adventskranz.

dann kam Holly… © Sabine Münch

Auf mein Werk bin ich mächtig stolz gewesen: Ein Schneemann mit Kulleraugen und einer stattlichen Karottennase! Dann kam Sabines Hündin Holly, machte einen Satz und schon war die Nase vertilgt. Woraufhin ich den einzig richtigen Entschluss gefasst habe: Wenn fünf Hunde gemeinsam auf einem Grundstück leben, können Schneemänner keine Karottennasen haben!

mein Schneemman mit Wäscheklammer-Nase © GvP

Kurzerhand wurde Meinem eine Wäscheklammer als Nase verpasst. Das Nachsehen hatte Lotta-Filipa, die ebenfalls Möhren mag und an die Karottennase meines Schneemannes wollte. Dort mochte es zwar noch etwas nach Karotte riechen. Zum Fressen fand sich zu Hundis offensichtlichem Erstaunen an der Stelle aber nichts mehr!

Lotta-Filipas Missvergnügen © GvP

Lange Freude hatte ich an meinem Schneemann nicht. Tags darauf hat es ordentlich getaut. Inzwischen ist von meinem Werk nur noch ein kleines feuchtes Häufchen übrig. – Aber: der nächste Winter kommt bestimmt. Und so er Pappschnee mit sich bringen sollte, dann stelle ich mich beim Schneemann-Bauen bestimmt schlauer an als im letzten Winter.

Klirrende Kälte hatte das Land hier in den vergangenen Tagen fest im Griff. In der Frühe zeigte das Thermometer -12, bisweilen sogar -14 Grad. So schnell wie Hundi in der Frühe normalerweise raus will, so schnell kam sie wieder rein. „Bei diesem Wetter jagt man keinen Hund vor die Tür.“

Wunderschön kalt ist es in den vergangenen Tagen in Rosien gewesen. Vornehmlich in jenem Moment, in dem ich noch schlaftrunken aus dem Fenster in meinen Garten schaue. Die Gemengelage aus Raureif und Schnee bietet Traumhaftes. Man reibt sich die Augen.

Die Weide glitzert. Aus den Rispenhortensien sind bizarre Gebilde geworden. Die kargen Äste der Kupfer-Felsenbirne tragen eisige Früchte. Vor dem strahlend blauen Himmel heben sich die entblätterten Äste der Bäume und Sträucher gestochen scharf ab.

Sogar die Wasserhähne im Garten, denen unter anderen Umständen ästhetisch eher wenig abzugewinnen ist, zeigen ein fantastisches Gesicht. Mitsamt Irokesenhaarschnitt!

Knirschender Schnee unter den Sohlen? Ein Geräusch, das ich nicht mehr erinnere.

Eine geschlossene Schneedecke, in der sich allenfalls Tierspuren ausmachen lassen? Ein Anblick, den ich ebenfalls nicht mehr in Erinnerung habe.

Klirrende Kälte? Dieses Gefühl, allerdings, das kenne ich noch allzu gut aus Berlin.

Vergangenen Freitag sind in Rosien am späten Nachmittag die ersten Schneeflocken des Winters gefallen. Lotta-Filipa war sichtlich irritiert. Kein Wunder. Schließlich hat sie in ihrem bisherigen Hundeleben Schnee nur ein einziges Mal erlebt. Vor sieben Jahren. Von Dauer war die weiße Pracht damals nicht. In der Stadt wird aus Schnee schnell Matsch.

Geschneit hat es in Rosien die ganze Nacht. Hundi traute sich am Morgen zunächst nicht aus dem Haus, dann war kein Halten mehr. Lotta-Filipa schien wie elektrisiert.

Der Schnee hält sich seither. Und da die Temperaturen in den Nächten neuerdings weit unter den Gefrierpunkt sinken, funkeln am Vormittag in meinem Garten Schnee und Eiskristalle. Man könnte fast meinen, sie glitzern um die Wette. Zum Staunen schön!

Im April 2020 bin ich in Rosien sesshaft geworden. In der Gemeinde Amt Neuhaus, die sich über 230 Quadratkilometer östlich entlang der Elbe erstreckt. Als ich das verwilderte Grundstück – den ehemaligen Platz 18 – erworben habe, hatte es Jahrzehnte brach gelegen. Von Früher zeugten noch Überreste von Stallungen und ein völlig zerfallenes Hauptgebäude mit einem Umfang von circa 370 Quadratmetern.

Wie das heutige Gebiet der Gemeinde, vermutete ich, dürfte wohl auch Platz 18 eine wechselvolle Vergangenheit gehabt haben. Dem wollte ich nachgehen. Leichter gedacht als getan. Erst Gespräche mit Einheimischen, die Informationen und Fotografien beisteuerten, setzten mich besser ins Bild.

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Nicht bekannt ist, wann das Gehöft in Rosien erbaut wurde. Dafür weiß man, dass zwischen 1807 und 1993 dort eine Gaststätte existiert hat, die gerne besucht wurde. Wirtshäuser gab es im Amt in nahezu jedem Ort. Sie waren jahrhundertelang Mittelpunkte des Dorflebens. Ob Versammlung, Hochzeit, Frühschoppen oder Sonntagsschmaus, ob Schützenfest oder Faschingstanz – in den meist schlicht gehaltenen Dorfschänken hat sich das öffentliche Leben größtenteils abgespielt.

die Ruine © Sabine Münch

Trotz des guten Zuspruchs wurden die Gaststätten nur nebenbei betrieben. Den Haupterwerb brachte die Landwirtschaft ein. Die Hofstellennutzer des ehemaligen Platzes 18 sind bis Mitte des 19. Jahrhunderts sogenannte Halbhufner gewesen. Darunter verstand man einen Bauer oder Pächter, der eine Fläche zwischen 12 und 26 Hektar Land bewirtschaftet hat. Ab 1807 hat der Halbhufner Johann Jürgen Beu die Gaststätte in Rosien geführt. An der Gepflogenheit, Gäste zu bewirten, hielt die Familie vier Generationen fest.

Überliefert ist, dass das Gehöft im Dezember 1907 auf die Familie Knaack überging, die den Gasthof fortgeführt hat. Berichtet wurde mir, dass dazu auch ein imposanter Saal gehört hat, in dem die Dorfbewohner gerne gefeiert, viel gelacht und ausgiebig getanzt haben. Versammlungen wurden ebenfalls dort abgehalten. So kam beispielsweise ab Mai 1910 Rosiens Freiwillige Feuerwehr regelmäßig bei Knaacks zusammen. Zum Ensemble dürfte auch ein Biergarten gehört haben. Das lassen jedenfalls die zahlreichen Flaschenhälse und Glasscherben vermuten, die ich bisher auf meinem Grundstück habe aufsammeln dürfen.

Wieviel Bier in der Kneipe getrunken wurde, ist für die 1920er Jahren verbrieft: 45 Tonnen jährlich, was genau 5.152 ½ Litern entsprach. In Eigenregie zu brauen, war Dörfern damals untersagt. Den Gerstensaft für Rosien hat man aus dem Amtsbrauhaus bezogen. In der Kirchstraße in Neuhaus befand sich seit 1913 eine Niederlassung der Lüneburger Kronenbrauerei. Günther Hagen weiß zu berichten, dass sie seinerzeit von Ernst Wilke betrieben wurde.[1] Zu den teilweise entlegenen Gaststätten im Amt sind die Fässer mit dem Pferdefuhrwerk transportiert worden.

Fortschritte in der Postzustellung und Telefonie haben alsbald die Kommunikationswege in Deutschland verändert. Aber erst nachdem Klagen aus den ländlichen Regionen laut geworden waren, ist man ab Sommer 1927 dazu übergegangen, die Postzustellung auf dem Land zu reorganisieren. In Dörfern und kleineren Gemeinden wurden Posthilfsstellen mit Telefonanschlüssen eingerichtet. So auch bei der Familie Knaack, in deren Gaststätte zwischen August 1928 und Dezember 1938 eine Filiale untergebracht war, die immerhin tagtäglich vom „Postkraftwagen“ angefahren wurde.

Letzter männlicher Betreiber der Hofstelle auf Platz 18 aus der Familie ist Walter Knaack gewesen, der 1938 um 48 Hektar Land bewirtschaftet hat. Dann brach der Zweite Weltkrieg aus und viele Männer aus dem Kirchspiel Neuhaus/Elbe wurden eingezogen. Der Heimatforscher und langjährige Direktor der Polytechnischen Oberschule in Neuhaus, Werner Hüls (1926 – 2016), hat sich bemüht, die Namen der Männer zusammenzutragen, die aus dem Amt in den beiden Weltkriegen des 20. Jahrhunderts ihr Leben gelassen haben. Darunter ist auch der Name von Walter Knaack. Er wurde ab Juli 1943 an der Ostfront vermisst.[2]

Nach dem verlorenen Krieg haben die Amerikaner das Gebiet Ende April 1945 eingenommen. Hinter Platz 18 existierte im Frühjahr in Rosien ein Lager mit circa 10.000 Gefangenen, die sukzessive über Pontonbrücken in den Westen gebracht wurden. Wie auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945 beschlossen, wurde das Amt der Britischen Besatzungszone zugeschlagen. Am 1. Juni wichen die Amerikaner den Briten, die wiederum entschieden, das Gebiet den Sowjets zu überlassen, die es am 1. Juli 1945 unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die Angst unter der Bevölkerung war damals groß. Viele haben sich im Westen eine neue Heimat gesucht.

Dann ging es Schlag auf Schlag. Die Alliierten begannen, divergierende Interessen zu verfolgen. Der Kalte Krieg warf seine Schatten voraus. Auch im Amt dürften erste Flugblätter wie dieses kursiert haben: „Wir rufen alle auf, zu helfen, dass aus dem junkerlichen Mecklenburg-Vorpommern ein Land der Demokratie, ein Mecklenburg-Vorpommern freier Bauern wird, wo die Bauern und nicht mehr die Junker die Nutznießer des Bodens sind.“

Die Bodenreform wurde in der Sowjetischen Besatzungszone ab September 1945 in Angriff genommen und bis 1950 rigoros durchgesetzt. Landwirtschaftsbetriebe und Güter mit einer Fläche von über 100 Hektar und Besitzer kleinerer Höfe, die als Kriegsverbrecher oder als aktive NSDAP-Mitglieder galten, wurden entschädigungslos enteignet. Im Kreis Hagenow waren davon circa 30% der landwirtschaftlichen Nutzfläche betroffen. Mehr als 30.000 Hektar wurde an über 6.300 Kleinbauern und Umsiedler vergeben, der Rest als Volkseigentum deklariert.

Vieh, Maschinen und anderes Brauchbares haben sich die Russen als Reparationen für erlittene Schäden genommen. In seinen Lebenserinnerungen berichtet Lothar Borbe, dass auch der Kiefernwald nahe Neuhaus zu diesen Zwecken gefällt werden musste.[3] Die Zeiten waren hart. Überall fehlte es am Nötigsten. Und der Hunger war allgegenwärtig.

Kaum vorstellbar, dass die Gaststätte in Rosien in den ersten Nachkriegsjahren Raum für Geselligkeit geboten hat. Eher ist zu vermuten, dass Flüchtlinge, die zahlreich in den Dörfern an der Elbe Zuflucht gesucht hatten, auch dort provisorisch untergebracht waren. Bewirtschaftet wurde Platz 18 nach dem Krieg von der Witwe Elly Knaack, der Tochter Thea zur Hand ging.

die Freiwillige Feuerwehr vor der Gaststätte © Familie Nörren

Die immer drastischeren Erhöhungen der Pflichtablieferungen in der Landwirtschaft machten das Leben mitnichten leichter. Bald haben sie das Leistungsvermögen vieler bäuerlicher Betriebe überstiegen, sodass sich immer mehr Bauern in den Westen absetzten, andere haben ihren Hof aufgegeben. Im Januar 1956 hat Elly Knaack Platz 18 mit knapp 25 Hektar Land Hermann Mosel überschrieben. Einem geschäftstüchtigen Wirt, wie sich herausstellen sollte. Denn alsbald erwachte das Rosiener Gasthaus zu neuem Leben.

Kaum hatte Mosel das Gehöft übernommen, fand sich die auch Freiwillige Feuerwehr wieder in der Kneipe ein, die in den vergangenen Jahren anderenorts getagt hatte. Am 8. Januar 1956 wurden dort noch offene Fragen für einen Maskenball besprochen, der in Mosels Festsaal am 22. Januar 1956 stattfinden sollte. Unter anderem ist der Beschluss gefasst worden, dass die fünf Maskierten, die als Erste im Lokal einträfen, keinen Eintritt zu zahlen hätten.

In Feierlaune war man damals wohl eher selten. Denn der psychologische und ökonomische Druck auf die Bauern nahm zu, sich zu Genossenschaften zusammenzuschließen. Erste Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaften (LPG) vom Typ I, in denen lediglich das Ackerland genossenschaftlich bewirtschaftet wurde, hatten sich im Amt in den beiden Elbdörfern Vockfey und Neu Garge bereits im November 1952 gebildet. Dem Entschluss, sich dem Willen der Partei unterzuordnen, waren allerdings verstörende Ereignisse vorausgegangen.

Am 14. Mai 1952 hatte der Ministerrat der Sowjetunion die Schließung der deutsch-deutschen Grenze beschlossen und Maßnahmen zur Grenzsicherung an die SED-Spitze weitergegeben. Entlang der Demarkationslinie zwischen der DDR und der BRD wurde ein 5-Kilometer-Sperrgebiet eingerichtet und in „Nacht- und Nebelaktionen“ Personen aus den betroffenen Gebieten zwangsumgesiedelt.[4]

So etwa in Vockfey und Neu Garge, wo Anfang Juni allein 67 Menschen von den drastischen Maßnahmen betroffen waren.[5] In Mecklenburg sind zwischen Anfang und Mitte Juni 1952 insgesamt 490 Familien, sprich 1.885 Personen aus ihren Ortschaften, Dörfern und Gemeinden vertrieben worden.[6] Ohne Vorankündigung und Nennung von Gründen, binnen Stunden unter entwürdigenden Bedingungen.

Seit der 2. Parteikonferenz im Jahr 1952 hat die SED immer entschiedener versucht, Bauern zum LPG-Beitritt zu drängen. Doch gängeln lassen wollten sich die Landwirte nicht. Obwohl manche Vergünstigungen wie etwa die Verringerung des Abgabesolls oder verdoppelte Ankaufspreise lockten, konnte sich die LPG des Typs III lange nicht durchsetzen, in die der gesamte landwirtschaftliche Betrieb nebst Vieh, Maschinen und Wirtschaftsgebäuden einzubringen war. Erst nachdem die Kollektivierung unter dem beschönigenden Motto „Sozialistischer Frühling auf dem Land“ Anfang 1960 forciert wurde und Agitatoren von Haus zu Haus gingen, die die Bauern massiv unter Druck setzten, nahm die Entwicklung auf dem Land seinen erwünschten Gang. Hermann Mosel trat im März 1960 der LPG „Renz“ Typ III bei, die sich erst wenige Tage zuvor in Rosien gebildet hatte.

Seine Gaststätte blieb. Auf der Karte dürften damals gängige Speisen wie „Bockwurst mit Kartoffelsalat und Beilage“ oder „Soljanka mit Brot“ gestanden haben. Infolge der subventionierten Gaststättenpreise war eine Brotzeit nebst einem Glas Bier für 40 Pfennig oder eine Fassbrause für 21 Pfennig erschwinglich. – Zeiten, die lange vorbei sind.

die Gaststätte nach dem Umbau © Hans-Peter Wulff

Nach Hermann Mosels Tod hat die Dorfkneipe zunächst dessen Sohn weitergeführt. 1990, dem Jahr der deutschen Wiedervereinigung, wurde sie an einen Betreiber aus Westdeutschland verpachtet, der dem traditionsreichen Gasthof den Namen „Die Rosiene“ gab. Die Gaststätte ließ er umbauen. Allerdings wollte der neu hinzugefügte Anbau nicht so recht zum althergebrachten Ziegelbau mit prächtigem Satteldach passen, wie es für die Architektur der Region stilbildend war. Statt Soljanka stand nun Wildsülze auf der Karte.

1992 traten zwei Kaufleute aus Hamburg an, um die Hofstelle 18 zu erwerben. Nebst dem angrenzenden Platz 19, der seit 1554 einer Familie Graf gehört hatte. Die seit 1807 existierende Gaststätte wurde noch bis 1993 betrieben, eine Zeitlang unter dem klingenden Namen „Rote Laterne“.

Nachdem auch dieser Versuch gescheitert ist und Gäste ausblieben waren, hat sich der Pächter hochverschuldet bei Nacht und Nebel aus dem Staub gemacht. Platz 18 war dem Wildwuchs und Zerfall preisgegeben. Gebrannt haben soll es dort auch. Zuvor aber, so wurde mir erzählt, hätten die Gläubiger alles, was halbwegs brauchbar gewesen war, an sich gebracht.

Viele Jahre später haben Sabine, die inzwischen den ehemaligen Platz 19 bewohnt, und ich ein verwittertes Schild mit der Aufschrift „Bauland zu verkaufen“ entdeckt. Das aber ist eine andere Geschichte.


[1] Günther Hagen: Amt Neuhaus in alten Ansichten. Band 2, Zaltbommel/Niederlande2001, Abbildung 25

[2] Ilse und Werner Hüls (Hrsg.): Unser Amt Neuhaus. Sonderheft 4: Zum Gedenken an die Opfer der Kriege und Gewaltherrschaft, bz.druck 2012, S. 46

[3] Lothar Borbe: An Elbe, Memel und Krainke, Berlin 2004, S. 219

[4] Siehe dazu u.a.: Volker Bausch, Mathias Friedel, Alexander Jehn (Hrsg.): Die vergessene Vertreibung, Oldenbourg 2020

[5] Siehe dazu u.a.: Karin Toben: Heimatsehnen, Neuhaus 2008

[6] Zitiert nach: Andrea Thorun: Juni 1952, Schriftenreihe des Museums der Stadt Hagenow, Hagenow 1992, S. 23

So sich ein Städter mit dem Gedanken trägt, aufs Land zu ziehen, kommen alsbald die Bedenkenträger ins Spiel. Jene, die es vermeintlich gut mit einem meinen, und vor allem die, die einen besonders gut zu kennen meinen.

„Du bist eine (Groß-)Städterin.“ „Was willst du im Dorf?“ „Dort gehörst du nicht hin.“ „Landleben?! Das steht dir nicht.“ „Du passt doch nicht aufs Dorf!“ – Assoziiert wird hier offenbar ein pejorativer Begriff: die Landpomeranze, die wohl eher wenig zu mir passt.

weite Stille © GvP

Hat man seinen Plan erst einmal realisiert, haben die Bedenkenträger vorerst keine solch‘ gut gemeinten Fragen mehr. Sie warten tatsächlich darauf, dass sich für den frischgebackenen Dörfler Fallstricke und Gräben auftun werden, die ihn eines Besseren belehren: nämlich dass er nicht aufs Land passt! Nicht ins Dorf hingehört!

Allzu lange halten die Schwarzseher und Skeptiker jedoch nicht still. Denn Bedenkenträger sind nicht nur Rechthaber, sie sind auch denkbar schlechte Verlierer. Heuchlerisch melden sie sich aus der Ferne zu Wort: „Wie ist es denn so auf dem Land? Geht’s dir gut? Du brauchst doch sicher etwas aus der Stadt?“ Dass es dem Neuling im Dorf gut geht und es ihm an nichts fehlt, nehmen sie zwar kommentarlos hin, ihm aber nicht ab.

stille Weite © GvP

Im festen Glauben, dass sich für den frischgebackenen Dörfler in absehbar Zeit noch etliche Fallstricke und Gräben auftun werden, halten die Skeptiker und Schwarzseher abermals ein Weilchen die Füße still, bevor sie in die Offensive gehen und kein Blatt mehr vor den Mund nehmen: „Und? Bereust du deine Entscheidung?“

Sogar mit einem noch so entschiedenen „Nein!“ können sich die Bedenkenträger nicht zufriedengeben. Das Vorurteil, dass es sich in der Stadt besser lebt als auf dem Land, hält sich hartnäckig. Man polarisiert, statt sich bewusst zu machen, dass ein Dorfleben völlig andere Qualitäten hat. – Und ich scheine nicht dazu fähig zu sein, Städtern begreiflich machen zu können, dass mir diese Vorzüge sehr viel wert sind. Sie bestehen weiterhin darauf: „Dir fehlt doch etwas?“ „Bereust du es nicht, auf dem Land zu leben?“