Sechste Etappe: Breslau und Jägerndorf im Sudetenland

Nach herben Verlusten, nämlich des Vaters, des Familienbesitzes, der geliebten Ehefrau mit den drei Söhnen und der kleinen Pachtung Schwundnig fand mein Großvater Bernhard in Breslau, wo Anfang 1933 über 480.000 Arbeitslose gezählt wurden, tatsächlich eine Anstellung: auf Provisionsbasis als Agent bei der Winterthur Versicherung. Schwer vorstellbar, dass er in der wirtschaftlich schweren Zeit viele Verträge zum Abschluss bringen konnte.

Ich kann nur mutmaßen, wie er zu Hitler und der an die Macht strebenden NSDAP stand. Hat er – mit den meisten in dieser Zeit – die Hoffnung geteilt, es könne wieder aufwärts gehen? Hat er – wie weite Teile des Adels und allen voran die 1874 gegründete Deutsche Adelsgesellschaft – damit gerechnet, dass die Aristokratie die verlorengegangenen Privilegien zurückerhalten werde?

Bernhard Oskar Wilhelm von Prittwitz und Gaffron © Familie vP

Kann aber auch sein, dass ihm am „Tag der Machtergreifung“, der am 30. Januar 1933 auch in Breslau mit Fackelzügen und Gegröhle gefeiert wurde, Zweifel beschlichen haben. Vielleicht hat er wie andere gedacht, dass der „Spuk“ bald ein Ende haben werde. Straßenkämpfe, die Verfolgungen und Verschleppungen Andersdenkender, die brutalen Übergriffe auf die jüdischen Mitbewohner und die Plünderungen ihrer Geschäfte oder die Bücherverbrennungen – auf dem Breslauer Schlossplatz sind am 10. Mai 1933 allein 37 Zentner Bücher vernichtet worden – dürften auch meinem Großvater nicht verborgen geblieben sein.

Im März 1935 wurde die allgemeine Wehrpflicht, ein eklatanter Verstoß gegen den Versailler Vertrag, wieder eingeführt. Als Veteran des ersten Weltkrieges wurde mein Großvater reaktiviert. Wie sein Vater Wilhelm hatte er die Dresdner Kadettenanstalt besucht und anschließend beim Schlesischen Leib-Kürassier-Regiment „Großer Kurfürst“ Nr. 1 gedient. Im Ersten Weltkrieg wurde er zunächst an der Ostfront eingesetzt, ab 1918 an der Westfront, wo er als 22-jähriger Regimentsadjutant in der Endphase des Krieges die ebenso zermürbenden wie letztlich aussichtlosen Grabenkämpfe miterlebt hat. Kurz vor Kriegsende wurde er gemeinsam mit anderen Kameraden aus seiner Einheit verschüttet und konnte erst nach 24 Stunden schwer verletzt und traumatisiert ausgegraben und geborgen werden.– Als einziger Überlebender!

mein Großvater mit seinen Söhnen (v.l.n.r): Hoyer, Dicki, mein Vater Bü © Familie vP

In Breslau hat er dann nach seiner Reaktivierung ab 1934 ein Wehrbezirkskommando geleitet. Anfang 1939 ist er in gleicher Position nach Jägerndorf im Sudetenland gekommen, das deutsche Truppen im Oktober 1938 besetzt hatten. Andersdenkende und Emigranten, die in der Tschechoslowakei Schutz vor den Nationalsozialisten gesucht hatten, waren den Repressionen der deutschen und der mit ihnen kollaborierenden tschechischen Sicherheitsbehörden damals hilflos ausgeliefert. Zur Symbolfigur für den grausamen Terror unter den deutschen Besetzern ist Reinhard Heydrich (1904 – 1942) geworden, 1939 Chef des Reichssicherheitshauptamtes, und ab September 1941 stellvertretender Statthalter für das „Protektorat Böhmen und Mähren“.

Ab seiner Versetzung ins Sudetenland hat sich mein Großvater mit dem Gedanken getragen, an der Front kämpfen zu wollen. Was auch immer ihn dazu bewogen hat. Überliefert ist diese Aussage von ihm: „Meine Kameraden sterben an der Front und ich sitze in der warmen Stube in Jägerndorf herum.“

Epilog:

Mein Vater Krafft-Erdmann ist 1928 in Schwundnig im niederschlesischen Kreis Oels geboren. Ihm und seinen Geschwistern wurde Melkof, in der Provinz Mecklenburg gelegen, 1934 zur zweiten Heimat. Der Ort liegt wenige Kilometer von Rosien entfernt, wo ich zukünftig leben werde.

Wieso und wie gelangten sie dorthin? Eine Frage, der ich im Zuge der Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ auch nachgegangen bin. Es war eine Spurensuche, die sich über viele Stationen erstreckt hat.

Eine ziemlich verworrene Geschichte, die ich hier in Etappen berichte. Sie beginnt in Rostock, wo meine Großeltern Bernhard von Prittwitz und Gaffron und Helene, geborene von Jagow, 1921 unter keinem glücklichen Stern geheiratet haben. Nachdem meine Großmutter einen handfesten Skandal ausgelöst hatte, ist das junge Paar vom Familiensitz Mühnitz nach Schwundnig verbannt worden. Nach dem Tod der beiden alten Herren, Ernst-Ludwig von Jagow und Wilhelm von Prittwitz, hat Helene Mut gefasst und Bernhard verlassen; einen Mann, den sie nie geliebt hat.

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