Was die Kartoffel mit meinem zukünftigen Wohnsitz zu tun hat

Eine große Freundin von Kartoffeln bin ich nicht. Bisher haben meine Geschmacksnerven dieser beliebten Beilage, die seit Ende des Dreißigjährigen Krieges Grundnahrungsmittel der Deutschen ist, nur wenig abgewinnen können. Völlig anders mein Vater. Ihm mundete die Knolle in allen Variationen. „Am liebsten schon zum Frühstück in Form von Bratkartoffeln“, so eine Auskunft meiner Mutter.

mein Vater Krafft-Erdmann im März 2012: „Lecker!“ © GvP

Ich mutmaße, mein Vater hat andere Kartoffeln gegessen als ich. Nicht die formschönen, von Ackererde befreiten, Weich- oder Festkochenden, die wir aus den Supermärkten kennen. Zudem dürften ihm beim Verzehr Erinnerungen gekommen sein. Schöne und weniger gute.

Vielleicht hat er sogar an Friedrich den Großen gedacht? Schließlich verehrte er den Preußenkönig zeitlebens. Tatsächlich hat der ja dafür Sorge getragen, dass die Kartoffelpflanze, die Mitte des 16. Jahrhunderts durch spanische und englische Seefahrer aus Südamerika nach Europa gelangt war, ab 1746 in seinen Ländern gezielt angebaut wurde. Zweifelsohne galten des Königs „Kartoffelbefehle“ auch auf dem Gut Quilitz in Brandenburg, dem heutigen Schloss Neuhardenberg, einem exklusiven Ort für Veranstaltungen und Tagungen.

Damals ein Mustergut, dessen Bewirtschaftung Friedrich II. besonders am Herzen gelegen war. Nebenbei: 1763, nach dem Frieden von Hubertusburg, hat er den Vorzeigebetrieb mitsamt Ländereien einem meiner Vorfahren vermacht. Joachim Bernhard von Prittwitz (1726 – 1793), der wiederum während der Schlacht von Kunersdorf am 12. August 1759 den Preußenkönig aus großer Gefahr gerettet hat. – Wie ich im Zuge der Recherchen zu meinen „Ahnen im Schatten“ erfahren habe, eine Heldentat, die sogar in die Geschichte eingegangen ist.

in den 1950er Jahren mundete meinem Vater auch anderes © Familie vP

Der Anblick, Geruch und nicht zuletzt der Genuss von Kartoffeln dürfte meinen Vater vornehmlich aber an Melkof erinnert haben. Jenen Ort unweit meiner neuen Heimat, wo er bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges einen Großteil seiner glücklichen Kindheit verbracht hat. Wohin er sich im Winter 1945 nach seiner Entlassung aus der russischen Kriegsgefangenschaft durchgeschlagen hat.

Damals hatte man in Mecklenburg und anderenorts in der Sowjetischen Besatzungszone gerade die sogenannte Bodenreformbewegung in Angriff genommen. Sämtliche Landwirtschaftsbetriebe und Güter mit einer Größe von über 100 Hektar wurden entschädigungslos enteignet. So auch Melkof. Der Familienbesitz wurde im Oktober 1945 in 89 Parzellen mit je acht Hektar Land und zwei Hektar Wald aufgeteilt; die jeweiligen Landstücke an sogenannte Neubauern vergeben. Darunter ist auch meine Großmutter Helene gewesen, die einstige Herrin auf Melkof. Und wieder hieß es für meinen 17-jährigen Vater schuften, um zu überleben. Auf leichten und minderwertigen Böden, die sich insbesondere für den Kartoffelanbau eignen. Damals wie heute.

Wie beschwerlich das gewesen ist, hat er schriftlich festgehalten: „Wie die Landstücke verteilt oder zugeteilt wurden, weiß ich nicht mehr. Ich weiß aber noch sehr genau durch später darauf vergossenen Schweiß, dass wir ein wenig fruchtbares Sandstück in der Nähe der sogenannten Stellung (hier waren im Krieg mal Flugmessgeräte stationiert gewesen) und ein völlig verquektes Stück besseren Bodens erhielten. Wer mal mit Queke [ein schwer zu bekämpfendes Wurzelunkraut] zu tun gehabt hat, wird wissen, was es bedeutet. Und hiergegen gab es damals nur ein Rezept: pflügen, eggen, pflügen … Doch wer zog den Pflug und die Egge? Und damit stellte sich praktisch schon die Überlebensfrage. Geräte und Landmaschinen waren kaum noch vorhanden oder unbrauchbar. Zumal die ehemaligen Gerätschaften ja auch nur für einen Großbetrieb geeignet waren und Trekker, Wagen und sonstiges brauchbares oder wertvolles Gerät von den Russen abtransportiert worden war.“

Gruß vom Kartoffelland; im Vordergrund Sabine © Sabine Münch

Kein Wunder, dass seine Erinnerungen aus Nachkriegszeiten an hart erarbeitete Kartoffeln immer lebendig geblieben sind. – Die kargen Böden auf Melkof hat mein Vater übrigens bis Ende 1948 bestellt. Dann machte er über die Elbe rüber in den Westen.

Post scriptum: Mittlerweile bin ich ebenfalls auf den Geschmack gekommen. Dank leckerer Kartoffeln im Hotel Hannover, wo ich in Neuhaus (Elbe) logiere, wenn meine Anwesenheit auf der Baustelle in Rosien gefragt ist. Wie sich herausstellte, werden die Knollen, die mir so gut munden, genau dort angebaut, wo sich mein Vater in den Nachkriegsjahren abgerackert hat. Den Geschäftsführer der Agrargesellschaft Melkof konnte ich inzwischen ebenfalls sprechen. Zukünftig darf ich meine Kartoffeln von ihnen beziehen. So ich größere Mengen abnehme, versteht sich. Kein Problem. Dann gibt‘s Kartoffeln eben schon zum Frühstück.

3 Gedanken zu “Was die Kartoffel mit meinem zukünftigen Wohnsitz zu tun hat

  1. Pingback: Melkof zwischen 1945 und 1949 | Rosiener Notizen

  2. Man die Kartoffeln auch direkt ansprechen. Jedenfalls hat das Joachim Ringelnatz in seinen Aschiedsworten an Pellka, die Pellkartoffeln, ausprobiert.
    „Jetzt schlägt deine schlimmste Stunde,
    Du Ungleichrunde,
    Du Ausgekochte, du Zeitgeschälte,
    Du Vielgequälte,
    Du Gipfel meines Entzückens….“

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